14.09.2026. Gunnar Eichholz hat mit seinem Text- und Bildband "Jugoslawien - Das Land, das es nicht mehr gibt" ein Werk langjähriger, akribischer Leidenschaft geschaffen, einen sagenhaften, zweieinhalb Kilo schweren Wälzer von fünfhundertsechzig kleingedruckten Seiten, eine Hommage an ein Land, das ein Zentrum der europäischen Nachkriegsmoderne war. Brutalismus, Laibach, Marina Abramovic. Alles kommt vor. Dies Buch ist eine Reise.
In den Achtzigern und Neunzigern aufzuwachsen und sich für Kunst und Kultur zu interessieren, bedeutete, mit einer stetig wachsenden Anzahl an kleinen und mittelgroßen Verlagen, autonomen Kulturvereinen, Indie-Platten-Labels und Magazinen für jede Form von Subkultur konfrontiert zu sein. Da es kein Internet gab, wo man sich vorab informieren konnte, musste man sich selbst auf den Weg machen und nach dem Trial & Error - Prinzip dasjenige finden, das zu einem passte.
Es war eine Zeit, in der man unglaublich dankbar für Insidertipps jeder Art war, die heißeren Stoff versprachen, als ihn selbst die gut sortierte Buchhandlung oder der Plattenladen hergaben. Als Sechzehnjähriger kam ich so zur Originalausgabe einer Platte, auf der T. S. Eliot (in leider einschläfernder Stimme) unter anderem sein Gedicht "The Hollow Men" vortrug, das durch Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now" weit über den Kreis der an Poesie Interessierten hinaus Bekanntheit erlangte.
In Bezug auf die Fotografie landete ich einen vergleichbaren Coup, als ich auf ein einzelnes Exemplar des Katalogs der ersten Retrospektive von Cindy Sherman stieß, der Arbeiten bis 1993 versammelte. Niemand in meinem Umfeld, das sich vor allem für Musik, Literatur und Film interessierte, und Fotografie in künstlerischer Hinsicht generell nicht besonders ernst nahm, kannte Sherman, auch die Buchhändlerin nicht, was mir kurz das Gefühl bescherte, ein Eingeweihter zu sein. Ein großartiges Buch, das ich bis heute immer wieder zur Hand nehme, und in dem in der Zeit von 1985 bis 1993 ein Höhepunkt den anderen jagt: Disasters and Fairy Tales (1985-89); History Portraits (1988-1990); Civil War (1991); Sex Pictures (1992).
In Österreich dauerte es lange, bis die verkrusteten Strukturen der Nachkriegszeit aufbrachen. Absurderweise erstes, anerkanntes Opfer nationalsozialistischer Expansion, gab es in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg und vor allem den Holocaust keinerlei Schuldbewusstsein. In Salzburg, wo ich das Gymnasium besuchte, war es für die Veteranen der Waffen-SS noch bis Ende der Achtziger Jahre möglich, auf dem kommunalen Friedhof stolz und mit allen Orden behängt zum Gedenken an die gefallenen Kameraden aufzumarschieren. Selbstredend war ich unter jenen, die dagegen demonstrierten.
Obwohl es keine Förderungen für "langhaarige Kommunisten" wie mich gab (ich war weder das eine, noch das andere), sprossen Kultur- und Kunstinitiativen aus dem Boden, die mithelfen wollten, das Land vom brauen Mief zu befreien, und gleichzeitig des Fenster zur Welt, auch das zur Kunst, weit aufzureißen, Wenn jemand sehen und hören will, wie es damals in Österreich zuging, dem/der empfehle ich den Dokumentarfilm "Waldheims Walzer" von Ruth Beckermann. Aufflammende Assoziationen zu Aspekten der gerade über die Bühne gegangenen Wahl in Sachsen-Anhalt werden kein Zufall sein.
Die Kulturszene war nicht nur ein Nährboden und eine Plattform für Aktivismus, dabei ungleich mehr als heute, da der Kulturbetrieb unter der neohöfischen Förderkultur politisch handzahm und berechenbar geworden ist. Sie bot auch Platz für obsessive, hypertrophe Unternehmungen von Einzelpersonen, die Jahre in Anspruch nahmen und nicht selten labyrinthische Fragmente blieben. Projekte, wie sie heute nur noch wenige Menschen in Angriff nehmen, die erst recht keine Förderungen dafür bekommen.
Eher zufällig, wie einst den Katalog von Cindy Sherman, halte ich nun ein solches Werk langjähriger, akribischer Leidenschaft in Händen: Gunnar Eichholz' Bestandsaufnahme der Politik, Kultur und Architektur von "Jugoslawien. Das Land, das es nicht mehr gibt", ein sagenhafter, zweieinhalb Kilo schwerer Wälzer von fünfhundertsechzig kleingedruckten Seiten im Format von zwanzig mal fünfundzwanzig Zentimetern mit unzähligen Abbildungen. Fotografiert, recherchiert und geschrieben in fünfzehn Jahren in Personalunion von Eichholz selbst.
Selbstverständlich erscheint so etwas nicht bei Kehrer oder Hartmann, sondern etwas entlegen im österreichischen Kleinverlag Bahoe, der vor allem für seine Graphic Novels bekannt ist. Dem Buch ist ein Zitat des Philosophen Hans Georg Gadamer vorangestellt, das in etwa ausdrückt, welche Geistesverfassung es braucht, ein solches Projekt zu betreiben: "In Wahrheit gehört die Geschichte nicht uns, sondern wir gehören ihr."
1965 im bayrischen Ansbach geboren, hat Eichholz lange Jahre im Rahmen der Rechtsstaatlichkeitsmission der Europäischen Union für öffentliche Institutionen wie die "Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit" (GIZ) gearbeitet. In dieser Zeit lernte er viele Winkel und Facetten des zu dem Zeitpunkt bereits untergegangenen Landes näher kennen, und es wurde ihm bewusst, wie sehr der Jugoslawien-Krieg das Bild dieser Region bis heute prägt. Die serbische Dramatikerin Biljana Srbljanovic, deren "Belgrader Trilogie" in den späten Neunziger Jahren auf europäischen Bühnen Triumphe feierte, musste resigniert feststellen, dass es abseits dieses Themas schlicht kein Interesse an Gegenwartsstücken über den Balkan gibt.
Bei seinen Reisen durchs Land erschloss sich Eichholz der unglaubliche Reichtum der jugoslawischen Moderne, dabei vor allem der Sechziger und Siebziger Jahre, im Bereich der Architektur und des Bauwesens, wo man Jugoslawien regelrecht als Labor für die europäische Nachkriegsmoderne bezeichnen kann. Was den Brutalismus (eine Bauweise, die mit Sichtbeton arbeitet) in Nachfolge von Le Corbusier betrifft, war Jugoslawien regelrecht eine Hochburg.
Das Buch vereint Zeugnisse aus allen Regionen: In Belgrad den Wohnturm Karaburma (1960-63) oder der 1980 fertig gestellte, einhundertfünfzehn Meter hohe Genex-Zwillingsturm, der aus zwei Hochhäusern besteht, die am oberen Ende durch eine Brücke verbunden sind, über der sich ein (inzwischen geschlossenes) rotierendes Restaurant befindet. Das Koteks Gripe (1979-81) in Split, ein Einkaufs- und Sportzentrum, an dessen Eröffnungswochenende hunderttausend Menschen herbeiströmten. Oder das zeitlos schöne, zwischen einer Meeresbucht und dem Morsorgebirge gelegene und an eine Muschel erinnernde Poljud-Fußballstadion, im Volksmund "Schönheit von Poljud" genannt. Im Gegensatz dazu scheidet die kosovarische Nationalbibliothek in Pristina (1980-82) die Geister. Viele Kosovaren finden das Gebäude so hässlich, dass es auf seine ganz eigene Weise schon wieder schön ist. In seinem Formenvokabular von mit Stahlstreben ummantelten Kuppeln und Quadraten, ist es eine Hommage an die Op-Art und Vasarely.
Man könnte ewig so fortfahren, nicht anders als Eichholz selbst, der sich auch allen anderen Künsten widmet, von Marina Abramovic bis zu den Rock-Avantgardisten von "Laibach". Das Buch ist aber nicht nur eine Darstellung des nationalen künstlerischen Schaffens. Eingebettet ist das Ganze in kleinen Abhandlungen zur jugoslawischen Geschichte: ausgehend vom Königreich Jugoslawien als Resultat des Zerfalls des Habsburgerreiches (1918-1939); über die Auseinandersetzung mit der Sowjetunion 1948, in dessen Folge es zum "Dritten Weg" Titos und zur Gründung der Blockfreien Staaten kam (1948-1980); bis zum allmählichen Zerfall Jugoslawiens und dessen Vollendung mit dem Ende des Kalten Krieges, als die unterdrückten Konflikte zwischen den einzelnen Volksgruppen sich in einem Krieg entluden.
Hat man alles durchgeblättert (denn mehr als Durchblättern ist in einer ersten Annäherung bei dieser Detailfülle nicht drin), hat man das Gefühl, als wäre man von einer Reise zurückgekehrt, und als hätte man die Landschaften Kroatiens, Bosniens und des Kosovo abseits des touristisch überlaufenen Strandlebens der dalmatinischen und istrischen Küste zum ersten Mal mit offenen Augen gesehen. Wirklich beeindruckend.
Am Ende gibt es noch eine positive Überraschung. Wie immer der Verlag das auch geschafft hat: Das Buch kostet nur unglaubliche neunundfünfzig Euro.
Gunnar Eichholz: Jugoslawien. Das Land, das es nicht mehr gibt. 560 Seiten, 20 x 25 cm, Hardcover. Bahoe Books, Wien 2026, 59 Euro. ISBN 978-3-903478-61-9. Bestellen Sie bei eichendorff21, dem Buchladen des Perlentaucher.
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Wer in der Region wohnt und Lust hat: Anmeldung für den Workshop bis 23. September unter info@peter-truschner net. Peter Truschner truschner.fotolot@perlentaucher.de
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