Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Irgendwo zwischen Himmel und Küchentisch

09.10.2026. Die Feuilletons gratulieren der kanadischen Altgräzistin und Lyrikerin Anne Carson zum Literaturnobelpreis. In der NZZ erklärt ihre Übersetzerin Marie Luise Knott den typischen Carson-Effekt: das Paradox der fernen Nähe. In ihrer von VAN dokumentierten Rede zum Auftakt des Bonner Beethoven-Festes erklärt die belarusische Dirigentin Maria Kalesnikava, wie Kultur helfen kann, sich selbst zu bewahren. Ziemlich uneins sind die Theaterkritiker über Thomas Ostermeiers Inszenierung des Broadway-Hits "Stereophonic" an der Schaubühne. Und der Perlentaucher vergnügt sich prächtig mit Na Hong-jins SF-Horrorkomödie rund um eine Monsterinvasion in Südkorea.

Literarische Heulsusen

08.10.2026. Die Filmkritiker erkennen in Aaron Sorkins Film "The Social Reckoning", wie unsozial die sozialen Medien eigentlich sind. In der taz darf Maxim Biller nach Herzenslust über die Gegenwartsliteratur herziehen. Die FAZ begegnet bei der wohl letzen Performance des Pferde-Choreografen Bartabas doppelköpfigen Zentauren und weißen Feen. Der Guardian entdeckt in einer Londoner Ausstellung mit Werken Robert Rymans 50 Shades of Weiß. 

Vertrauen ins Vertraute

07.10.2026. Für die SZ unternimmt Marko Martin einen Streifzug durch die tschechische Literatur des 20. Jahrhunderts, die uns so viel für die Gegenwart lehrt. Achtung, die Influencer kommen: Backstage Classical sorgt sich mit Blick auf eine anstehende Programmreform um die Qualität der Klassik-Formate der Öffentlich-Rechtlichen. Abgründige Naturbilder mit KI-Input betrachtet die taz in einer Berliner Ausstellung; unter anderem gibt es brennende Eisberge zu bewundern. critic.de empfiehlt eine Nürnberger Retrospektive, die sich dem Regisseur Alfred Vohrer widmet - und damit einem Werk zwischen Geisterbahn und Fetischalbtraum.

An Schönheiten herrschte kein Mangel

06.10.2026. Der Deutsche Buchpreis geht in diesem Jahr an Shida Bazyar und ihren Roman "Die Lücken": Ihr ist eine "Neudefinition des Heimat-Romans" gelungen, jubeln Jury und Kritiker gleichermaßen. Die FAZ stellt den russischen Schriftsteller Dmitry Glukhovsky vor, dessen Roman "Die Registrierung" eine heftige Debatte in Russland auslöste. Die taz staunt in Magdeburg über Sean Scullys Schwarz mit gelber Vorgeschichte. Die NZZ feiert in einer Ausstellung in Weil am Rhein den Architekten Geoffrey Bawa als Pionier der tropischen Moderne. 

Es stürzen die Bücher, es fallen die Bilderrahmen

05.10.2026. Soll man Filme nachträglich bearbeiten, diskutiert die Deutsche Kinemathek im Anschluss an die Debatte um Wim Wenders und Nastassja Kinski. Die SZ erzählt, wie die Tech Bros unliebsame Filme bekämpfen. Die tschechische Kunstszene sieht sich Gefahren von rechts ausgesetzt, weiß Monopol. Der ukrainische Städtebau setzt wegen der vielen Kriegsverletzten auf Barrierefreiheit, weiß die FAZ. Für die Welt würden KI-geschriebene Bücher der Literatur ihre Grundlage als raum- und zeitüberdauerndes Gespräch entziehen.

Herzlichen Glückwunsch dazu, Vaterland

02.10.2026. FAS und Welt bemerken eine schleichende Isolation jüdischer und israelischer Stimmen in den Buchverlagen. In der FAZ ruft der tschechische Lyriker Petr Hruška uns ermunternd zu: "Lyrik ist eine erregende Art, die Welt nicht zu verstehen." Die taz staunt über einen Pop, der Antisemitismus in Gute-Laune-Beats verpackt. Die SZ trifft den Musiker Danger Dan, der sich mittlerweile vor Antisemiten verstecken muss. Die Welt fragt sich, wie abstrakte Kunst zum Wohlfühlmittel für alle werden konnte. Der Filmdienst feiert Doris Dörrie.

Epistemischer Hohlraum

01.10.2026. Die Feuilletons diskutieren über die umstrittene Doku "NAZA" von Yuval Abraham und Rachel Szor: Der FAZ fehlt eine kritische Einordnung, die Welt findet ihn zynisch, die Zeit lässt Eva Menasse und Philipp Peyman Engel darüber streiten. FR und FAZ staunen in der Frankfurter Schirn über Anna Hulačovás ökofeministische Kunst, die in Kollaboration mit Bienen entstand. In der taz fragt der Schriftsteller Clemens Böckmann, warum keine Wenderomane aus westdeutscher Perspektive geschrieben werden. 

Alter Wein in neuen Schläuchen

30.09.2026. Die Welt verfolgt in einer Ausstellung von Taryn Simon in Manhattan atemlos das Leben eines ehemaligen FBI-Agenten. Der neue Arthouse-Blockbuster von Alejandro G. Iñárritu kann die Kritiker leider trotz Tom Cruise als dickem Bösewicht nicht begeistern. VAN freut sich über Claus Guths psychologische Präzision in seiner Inszenierung der Mozart-Oper "Mitridate" in San Carlo. Der Designer Paolo Tumminelli fordert in der taz mehr Mut im Auto-Design. 

Schriftsteller, Ihre Papiere bitte!

29.09.2026. Die FAZ wird in der Fortsetzung von Karin Beiers Antiken-Zyklus "Fremde Sonne" am Schauspielhaus Hamburg von jahrhundertealtem Männerhass mitgerissen, auch die taz ist begeistert. Critic.de nähert sich in Lea Hartlaubs Dokumentation "sr" auf höfliche Weise Giraffen an. Die SZ schwelgt mit dem neuen Album von Neil Young in der "Unendlichkeit der Liebe". Und auch die deutschen Feuilletons diskutieren jetzt über Thélyson Oréliens mutmaßliches KI-Plagiat. 

Resignation mutiert in Optimismus

28.09.2026. Ex-Bachmann-Juror Philipp Tingler kritisiert die neue Jury-Vorsitzende Insa Wilke im Spiegel-Interview, die SZ glaubt, dass ein Generationenwechsel in der Jury dem Preis nur gut tun kann. Die Debatte um Thélyson Orélien geht weiter: Kamel Daoud fragt in Le Point, ob KI so gut ist wie ein Dichter. Die Exhumierung der Spontini-Oper "Die Vestalin" an der Berliner Staatsoper ist leider misslungen, findet  die FAZ. Und noch was ist wichtig: Die Arab Straps sind am Höhepunkt ihres Könnens angekommen, jubelt die taz.
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