Efeu - Die Kulturrundschau
Irgendwo zwischen Himmel und Küchentisch
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09.10.2026. Die Feuilletons gratulieren der kanadischen Altgräzistin und Lyrikerin Anne Carson zum Literaturnobelpreis. In der NZZ erklärt ihre Übersetzerin Marie Luise Knott den typischen Carson-Effekt: das Paradox der fernen Nähe. In ihrer von VAN dokumentierten Rede zum Auftakt des Bonner Beethoven-Festes erklärt die belarusische Dirigentin Maria Kalesnikava, wie Kultur helfen kann, sich selbst zu bewahren. Ziemlich uneins sind die Theaterkritiker über Thomas Ostermeiers Inszenierung des Broadway-Hits "Stereophonic" an der Schaubühne. Und der Perlentaucher vergnügt sich prächtig mit Na Hong-jins SF-Horrorkomödie rund um eine Monsterinvasion in Südkorea.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
09.10.2026
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Literatur

"Stockholm hat Mut zum Elitären bewiesen", schreibt Andreas Platthaus in der FAZ und ja, diese Entscheidung ist "eine primär ästhetische", kommentiert Gerrit Bartels im Tagesspiegel: Der Literaturnobelpreis 2026 geht an die kanadische Altgräzistin und Lyrikerin Anne Carson. Die Schwedische Akademie würdigt sie "für ihr kühnes und einfallsreiches Werk, das im spielerischen Dialog mit der klassischen Tradition neue Form der zeitgenössischen Literatur geschaffen hat". Was uns besonders freut: Es gibt eine Verbindung zum Perlentaucher: Unser Lyrikkolumnistin Marie Luise Knott überträgt Carson seit Jahren ins Deutsche. Carson "schafft wirklich etwas ganz Neues, Literarisches", sagt sie im SZ-Interview und erklärt weiter: "Die Antike ist für sie eine permanente Inspirationsquelle." Zudem "dehnt sie das Englische immer gelenkiger aus. ... Sie schafft es, das aus der Sprache herauszuholen, was eigentlich schon da ist, aber im Alltag oft verschwindet", insbesondere "das Empfinden von sinnlichen Eindrücken. Die Landschaft, das Wasser, wie etwa in ihrem Schwimmbad-Tagebuch, die 'Anthropologie des Wassers'." Aus diesem Band veröffentlichten wir 2014 eine zweiteilige Leseprobe. Bei LRB gibt es ebenfalls einen Text von Carson online.

Für Carlotta Wald (ZeitOnline) ist Carson ein "Zentralgestirn der Poesie". Sie "verschränkt klassische Philologie, Lyrik, Essayistik, Übersetzungen, Erzählungen und Mythen. ... Sie lässt Herakles, den Helden der griechischen Mythologie, auf alltäglichste Anekdoten krachen, verhandelt den Ursprung der Welt, den ganzen Schöpfungsmythos im selben Atemzug mit der inneren Unmöglichkeit, sich manchmal für das Kleinste im Leben zu begeistern." Und "daraus entsteht etwas (...), das selbst eine Welt kreiert, irgendwo im Zwischenraum, irgendwo zwischen Himmel und Küchentisch, zwischen den großen Geschichten und der Banalität des Seins, zwischen allem, was der Mensch ist und sein kann. ... Da ist etwas so genuin Zeitgenössisches und das Zeitgenössische gleichsam Heilende in Anne Carsons Werk, dass es schwerfällt, überhaupt zu begreifen, worin es besteht, woher diese Freude, diese Hoffnung, diese Demut und Energie, die sich im eignen Brustkorb ausbeult und verselbstständigt, wenn man ihr zuhört oder sie liest, eigentlich rührt."

Weitere Würdigungen schreiben Hannes Stein (Welt) und Thomas Ribi (NZZ). Und als hätte Dlf Kultur da bereits etwas geahnt, lief dort im August ein Literaturfeature von Corinne Orlowski über Carson.
Weitere Artikel: Corina Gall erinnert in der NZZ von Sartre bis Dylan an die größten Skandale aus der Geschichte des Literaturnobelpreises. Andrea Pollmeier war für die FR bei einer Frankfurter Lesung von Dörte Hansen. Bernhard Heckler berichtet in der SZ von Wolf Biermanns Auftritt bei der Frankfurter Buchmesse, wo der Liedermacher seine eben veröffentlichten Tagebuchauszüge vorstellte. Katharina Wojczenko berichtet in der taz von der Frankfurter Buchmesse und vom Ärger rund um den kolumbianischen Stand, auf dem ein arg nationalistischer Ton vorherrscht.
Besprochen werden unter anderem Carl Nixons "Die Waters" (FR), Julia Trachsels Comic "Alles in allem" (NZZ) sowie Martin Doerrys und Hauke Janssens Biografie über Rudolf Augstein (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Kunst

Bühne

Thomas Ostermeier hat zum Spielzeit-Auftakt an der Schaubühne David Adjmis Tony-prämierten Broadway-Hit "Stereophonic" inszeniert, ein Stück, angelehnt an Fleetwood Macs Aufnahmen zu ihrem legendären Album "Rumours". Was für ein Coup, jubelt Richard Kämmerlings in der Welt, und das nicht nur, weil Will Butler, Gründungsmitglied von Arcade Fire die Musik zum Stück um die ständig koksenden Musiker, die an ihren Lebens- und künstlerischen Abgründen fast zerbrechen, komponiert hat. "Wie im rockhistorischen Vorbild mit Stevie Nicks und Lindsey Buckingham gibt es im Mittelpunkt der (im Übrigen namenlosen) 'Stereophonic'-Band ein genialisches Songwriter- und Sängerpärchen. Peter und Diana sind seit Langem zusammen, aber in einer schweren Krise. ... Moritz Gottwald spielt Peter sehr gegenwärtig als toxisch männlichen, passiv-aggressiven Narzissten und Choleriker; Magdalena Lerner lässt als Diana hinter ihrer habituellen Divenhaftigkeit immer wieder ihre Verletzlichkeit durchscheinen."
Ganz anders Peter Laudenbach in der SZ, der sich in diesem von Ostermeier mit "deutscher Gründlichkeit" inszenierten "Boomerparadies" dreieinhalb Stunden langweilt: "Das garantiert insofern einen authentischen Zugriff, als sich der Theaterbesuch ähnlich quälend und klaustrophobisch anfühlt wie die jahrelange Aufnahme-Session im Kokain- und Perfektionswahn. Immerhin zieht die Inszenierung in der zweiten Hälfte das Tempo an und landet dabei im gehobenen Boulevardtheater, also da, wo die Schaubühne schon in der vergangenen Saison ihre Erfolge gesucht hat." Gnädiger urteilt nachtkritikerin Ella Rendtorff: "Musikalisch ist der Abend mitreißend. In seiner Abgeschlossenheit aber entzieht er sich dem politischen Kontext - die Außenwelt scheint an den schallisolierten Wänden des Studios abzuprallen. Die Konflikte siedeln rein im Privaten." Und taz-Kritikerin Anna Fastabend stellt sich trotz guter Unterhaltung entsprechend die Frage, "ob derart viel Realitätsflucht aktuell wirklich zur Aufgabe von Theatern gehört." Im Tagesspiegel bespricht Christine Wahl das Stück.
Weitere Artikel: In der FAZ ermuntert Wiebke Hüster deutsche Ballettkompanien zu fragen: Welche sind die neuen Klassiker? Besprochen werden außerdem Marie Rosa Tietjens Monolog "Ich erwarte die Antwort des Teufels" am Zürcher Schauspielhaus (FAZ), Max Radestocks Inszenierung von Tina Müllers "Die Fische" im Berliner Theater Strahl (Tagesspiegel).
Film

Action-Connaisseure kommen in Na Hong-jins neuem, zuvor im Wettbewerb von Cannes gezeigtem Film "Hope" voll auf ihre Kosten, schreibt Robert Wagner im Perlentaucher. Die über zweieinhalb Stunden reichlich vollgepackte SF-Horrorkomödie handelt von Turbulenzen rund um eine Monsterinvasion in Südkorea, aber auch vom Konflikt zwischen den beiden koreanischen Staaten. In den atemlosen Actionszenen "umkreist die Kamera das Geschehen, schnellt auf es zu, wird von ihm abgehängt. Die Inszenierung kitzelt ständig Adrenalin, Komik und Schönheit heraus. Ihr entscheidendes Merkmal ist die Distanz, die sie mal ein wenig, mal entschieden sucht. Weite Teil des Films sind mit einem Weitwinkelobjektiv gedreht, das nicht einfach nur die Action einfängt, sondern sie als einen organischen Teil der Welt zeigt. Enge Straßenschluchten evozieren die weitläufige Stadt, der begrenzte Raum zwischen Baumstämmen den weiten Wald. Die Action und die Bilder sind immer klar, übersichtlich, verständlich. Überhaupt ist alles simpel in diesem Film - alles außer den Monstern."
Einen typisch südkoreanischen Film sah Rüdiger Suchsland von Artechock: "Ein Film, der im selben Moment sehr kommerziell ist und trotzdem sehr 'auteur', also eine individuelle persönliche Handschrift trägt. ... In einem Moment, in dem das US-amerikanische Actionkino in erschöpften Formeln und Franchises gefangen zu sein scheint, die sich nicht mehr neu erfinden können, erscheint 'Hope' damit wie der Versuch, alles niederzureißen: ein Film, der das Actionkino bis an die äußerste Grenze von Exzess und visuellem Delirium vorantreibt."
Weitere Artikel: Dunja Bialas wirft für Artechock einen Blick ins Programm des Underdox-Festivals in München. Dort läuft auch Michal Kosakowskis Essayfilm "Holofiction" über den Niederschlag des Judenmordes der Deutschen in der Film- und Mediengeschichte - hier auf Artechock erinnert sich der Regisseur daran, wie unterschiedlich sein Film auf internationalen Festivals diskutiert wurde. Florian Weigl berichtet für critic.de vom Filmfest Hamburg. Und die wöchentliche Kinokolumne von Rüdiger Suchsland auf Artechock.
Besprochen werden Aaron Sorkins "The Social Reckoning" (taz, Artechock, Welt, unsere Kritik), Michael Showalters "Verity" (Artechock, unsere Kritik), Aron Lehmanns Verfilmung von Daniela Dröschers Roman "Lügen über meine Mutter" (Welt), Andreas Dresens "Alte Liebe" (Artechock, Welt, SZ) und eine auf Netflix gezeigte Neu-Interpretation von "Jenseits von Eden" (Artechock).
Architektur
Inzwischen siedeln mehr Menschen aus der Stadt aufs Land als andersherum, allein Berlin verlor 2025 12.000 Einwohner, weiß Niklas Maak in der FAZ. Und nun entdecken auch Architekten die Attraktivität des Landes: "Auch in so abgelegenen Orten wie dem gut eine Autostunde von Regensburg entfernten Blaibach im Bayerischen Wald nahe der tschechischen Grenze findet man wegweisende Architektur. Hier hat der Münchner Architekt Peter Haimerl eine neue Ortsmitte errichtet, der dem vergessenen Ort neues Leben gibt und auch urbanophile Bewohner anzieht. Zentrum seiner neuen Mitte ist ein archaisch-wuchtig, fast felsartig aussehender Betonsolitär, in dem ein Konzerthaus, ein Bürgerhaus und zwei weitere Bauten einen neuen Dorfplatz formen. ... Mit der Wiederbelebung der Dorfzentren und der neuen ruralen Architektur entsteht eine neue Ästhetik der intensivierten Naturwahrnehmung, die den Hausbewohner nicht mit absurden Dämmungen von der Umwelt abschottet wie den Fahrer eines vollklimatisierten SUV, sondern Jahreszeiten und Wetter, Haptik und Geruch von Land und Natur wieder erlebbar macht."
Musik
VAN dokumentiert die Rede, die die belarusische Musikerin und Dirigentin Maria Kalesnikava zum Auftakt des Beethovenfestes in Bonn gehalten hat. Wegen ihres Engagements für die Demokratie saß sie in Belarus fünf Jahre lang in Haft - weshalb die Freiheit in ihrer Rede einen zentralen Stellenwert einnimmt: "Solange wir frei sind, diskutieren wir Musikerinnen und Musiker über Arbeitsbedingungen, Repertoire, Finanzierung oder Institutionen. ... Dabei vergessen wir manchmal etwas viel Grundsätzlicheres: dass wir überhaupt frei spielen, interpretieren, mit anderen Menschen arbeiten und auf eine Bühne gehen können. Den wirklichen Wert dieser Möglichkeit habe ich erst verstanden, als ich sie nicht mehr hatte. Kultur kann in einer wohlhabenden Gesellschaft manchmal wie etwas Zusätzliches erscheinen. ... Meine eigene Erfahrung sagt mir aber etwas anderes. Gerade wenn einem Menschen fast alles Vertraute genommen wird, versteht man besonders deutlich, dass Musik, Literatur, Erinnerung und Vorstellungskraft keine Dekoration des Lebens sind. Sie gehören zu den Dingen, die einem Menschen helfen, sich selbst zu bewahren."
Im Interview mit dem VAN Magazin spricht der Dirigent André de Ridder über seine Arbeit, bei der er sehr mühelos zwischen Pop und Klassik wechselt. Tatsächlich könnte letztere sich von Pop ein paar verlernte Tugenden abschauen, meint er: "Wir haben in der klassischen Musikwelt heutzutage sehr institutionalisierte Prozesse, in denen zum Beispiel 'Zeit' immer rarer wird. ... Das wirkliche In-die-Tiefe-Gehen kommt in der klassischen Musikwelt heutzutage immer wieder zu kurz. Umgekehrt sehe ich, wenn ich mit Leuten wie Damon Albarn arbeite, dass selbst solche Superstars unter Umständen sechs Wochen an einem Song arbeiten, immer wieder reingehen und Kleinigkeiten verändern. ... Es gibt dieses Klischee, dass die Popwelt irgendwie schnelllebiger ist. Der sogenannte 'Turnover' der Klassikwelt mit ihrem Woche-zu-Woche-System - jedes Orchester muss jede Woche ein neues Abokonzert machen - ist oft viel schnelllebiger."
Weitere Artikel: "Die AfD ist aktuell leider die einzige Partei, die verstanden hat, wie wichtig Kultur für die Gesellschaft ist und wie sehr man über Kultur die Gesellschaft in ihrer Emotionalität packen kann", sagt Dahlia Borsche, Geschäftsführerin des Musikfonds Berlin, der Musikstipendien vergibt, im VAN-Gespräch: "In Sachsen-Anhalt haben sie als einzige Partei Kulturpolitik in ihrem Wahlprogramm so hoch angesetzt." Helene Slancar spricht für den Standard mit Bilderbuch-Sänger Maurice Ernst über das neue Album seiner Band. Dagmar Leischow plaudert in der FR mit dem Geiger David Garrett. Christoph Forsthoff blickt in der NZZ auf die Lage des Schweizer Festivals Klosters Music. Und René Walter präsentiert in seinem Substack Good Music einen ganzen Blumenstrauß neuer Musikvideos, darunter diesen LoFi-Schrammelpop von Twisted Teens:
Im Interview mit dem VAN Magazin spricht der Dirigent André de Ridder über seine Arbeit, bei der er sehr mühelos zwischen Pop und Klassik wechselt. Tatsächlich könnte letztere sich von Pop ein paar verlernte Tugenden abschauen, meint er: "Wir haben in der klassischen Musikwelt heutzutage sehr institutionalisierte Prozesse, in denen zum Beispiel 'Zeit' immer rarer wird. ... Das wirkliche In-die-Tiefe-Gehen kommt in der klassischen Musikwelt heutzutage immer wieder zu kurz. Umgekehrt sehe ich, wenn ich mit Leuten wie Damon Albarn arbeite, dass selbst solche Superstars unter Umständen sechs Wochen an einem Song arbeiten, immer wieder reingehen und Kleinigkeiten verändern. ... Es gibt dieses Klischee, dass die Popwelt irgendwie schnelllebiger ist. Der sogenannte 'Turnover' der Klassikwelt mit ihrem Woche-zu-Woche-System - jedes Orchester muss jede Woche ein neues Abokonzert machen - ist oft viel schnelllebiger."
Weitere Artikel: "Die AfD ist aktuell leider die einzige Partei, die verstanden hat, wie wichtig Kultur für die Gesellschaft ist und wie sehr man über Kultur die Gesellschaft in ihrer Emotionalität packen kann", sagt Dahlia Borsche, Geschäftsführerin des Musikfonds Berlin, der Musikstipendien vergibt, im VAN-Gespräch: "In Sachsen-Anhalt haben sie als einzige Partei Kulturpolitik in ihrem Wahlprogramm so hoch angesetzt." Helene Slancar spricht für den Standard mit Bilderbuch-Sänger Maurice Ernst über das neue Album seiner Band. Dagmar Leischow plaudert in der FR mit dem Geiger David Garrett. Christoph Forsthoff blickt in der NZZ auf die Lage des Schweizer Festivals Klosters Music. Und René Walter präsentiert in seinem Substack Good Music einen ganzen Blumenstrauß neuer Musikvideos, darunter diesen LoFi-Schrammelpop von Twisted Teens:
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