Eine Frau sieht Rot: "Staatsschutz" von Faraz Shariat Nach einem Prozess gegen einen Rechtsextremisten sieht sich eine Staatsanwältin südkoreanischer Herkunft in einer ostdeutschen Stadt Anschlägen auf ihr Leben ausgesetzt und stößt bei Ermittlungen auf Verstrickungen ihrer eigenen Institution in die rechte Szene - das ist die Prämisse von FarazShariats Justizdrama "Staatsschutz". Der Film ist "dunkel gehalten", schreibt Lukas Pazzini im Perlentaucher. "Der Rechtsstaat erscheint nicht transparent, sondern undurchdringlich, mit einem Keller voller Fälle, die aus mutmaßlich politischen Gründen nicht bearbeitet werden." Doch "hinter die spannende Grundfrage nach den geeigneten Mitteln gegen Rechtsextremismus (...) fallen die Charaktere in Shariats Film deutlich zurück. Sie erfüllen Funktionen." tazlerin Barbara Schweizerhof findet den Film in seinen Thrillerpassagen mitunter "wenig plausibel und effekthascherisch". FR-Kritiker Daniel Kothenschulte hält dem Film gerade diese Lust am Genre zugute: "Man muss sich diese Überdeutlichkeiten und liebevollen Amerikanismen trauen dürfen. Shariat steht hier in einer Tradition mit Klaus Lemke, Rudolf Thome, Wim Wenders oder Thomas Arslan." Für die Zeit spricht Peter Kümmel mit dem Regisseur, in der Weltbespricht Hanns-Georg Rodek den Film.
German Cinema, die Auslandsvertretung des deutschen Films, schickt SandraWollners "Everytime" (unsere Kritik) für den Oscar um den besten internationalen Film ins Rennen, meldet Philipp Bovermann in der SZ. Damit wäre es wohl allmählich an der Zeit, nach der "Berliner Schule" von einer "LudwigsburgerSchule" zu sprechen, meint er in Erinnerung an "In die Sonne schauen" von MaschaSchilinski aus dem letzten Jahr, die ebenfalls mit einer eigenwilligen Filmsprache für Aufsehen sorgte. An der Filmhochschule Ludwigsburg bildete sich die letzten Jahre ein interessantes Netzwerk: "Schilinski und Wollner sind Teil derselben Generation deutschsprachiger Filmemacher, sie haben sogar zusammen studiert. Zu ihren Kommilitonen gehörte auch TimmKröger, der Regisseur von 'Die Theorie von Allem' (2023), Wollners Lebenspartner und Kameramann bei ihren ersten beiden Langfilmen, der Regisseur und Drehbuchautor RoderickWarich, die Produzentin ViktoriaStolpe und der Kameramann FabianGamper. Die Mitglieder dieser Gruppe haben mehrfach überkreuz miteinander gearbeitet."
Weiteres: Tobias Sedlmaier schreibt in der NZZ einen Nachruf auf den unvergesslichen Tim Curry, der im Alter von 80 Jahren gestorben ist. Wir erinnern uns:
Besprochen werden RidleyScotts Postapokalypse "Das Ende der Sterne" (taz, FR, Welt), JaumeClaretMuxarts queeres Coming-of-Age-Roadmovie "Strange River" (taz), WillGlucks RomCom "One Night Only" (Welt), Kai Stänickes "Der Heimatlose" (FAZ) und die in der ARDgezeigte feministische Porno-Serie "Selling Sex" (FAZ).
Produktiv unruhig und auch mal sanft bekifft: Chang Wang, Lilith Stangenberg und Mücke in "Für immer 16" (Bild: Rapid Eye Movies) "Bunt, frei, bekloppt": tazlerin Carolin Weidner hat jede Menge Freude an "Für immer 16", dem auf Super8 gedrehten Film des Berliner Pop-Underground-Urgesteins Brezel Göring mit LilithStangenberg in der Hauptrolle. Der Film geht auf ein Romanfragment von Françoise Cactus, Görings 2021 verstorbener Lebenspartnerin zurück, mit der zusammen er einst das Duo Stereo Total gründete. Der Film zieht von Berlin nach Palermo, Lilith Stangenberg hält sich für unansehnlich und dann kippt der Film in einen Film-im-Film über eine Serienkillerin: Dieser Film "könnte die Pulp-Verfilmung eines frühen Georges Simenon (den Charlotte verehrt) sein, gekreuzt mit einer guten Portion Female Revenge. Eine Spielwiese." So sieht das auch Robert Wagner im Perlentaucher: "Statt einen Film zu machen, wie er zu sein hat, macht Brezel Göring einen Film, wie er nicht zu sein hat, einen Film ewigjugendlicher Rotzigkeit. Dabei kommt dann vielleicht kein straffer, mitreißender Killer-Thriller heraus, aber dafür ein schluffig-amüsanter."
"So punkigunverbindlich der auf Super 8 gedrehte, komplett und nicht allzu professionell nachsynchronisierte, über weite Strecken mit schrammelig-ironischen 'Stereo Total'-Songs unterlegte Film auf den ersten Blick auch wirken mag, so geschickt fügt Göring sein Debüt in die reiche Tradition des filmreflexiven Kinos ein", hält Lukas Foerster im Filmdienst fest: "Wenn Filme vom Filmemachen erzählen, erzählen sie nicht selten von Menschen, denen das Leben, das sie führen, nicht genug ist, weshalb sie ihm etwas Anderes, zumeist etwasAufregenderes, Mondäneres, entgegensetzen wollen. ... Nicht das Imaginäre des Kinos zieht sie an, die überlebensgroßen Bilder der Traumfabrik, sondern das Filmemachen selbst, als eine Existenzform, die eingefahrene Selbstbilder und Lebensentwürfe wieder in produktiveUnruhe versetzt." Auf critic.de dankt Silvia Szymanski "für dieses kleine, verschwommene, bekiffte oder sanft besoffene Provisorium".
Die von Stangenberg gespielte Charlotte ist durchaus ein Alter Ego von Cactus, bestätigt Göring im Tagesspiegel-Gespräch mit Andreas Busche: "Ich habe das beim Lesen sofort gedacht: So ist Françoise wirklich gewesen, diese Sucht nach Liebe, die ohnehin niemals zu kriegen ist. All das überdeckt von total viel Irrsinn. Lilith trifft das sehr gut. Sie ist zwar vollkommen anders als Françoise, aber sie hat manchmal auch dieses Melancholische in sich, etwasKomisches, Nachdenkliches." Und was hat es mit dem Filmformat auf sich? "Super-8-Material sieht einfach gut aus. Ein bisschen so, wie ich die Wirklichkeit sehe. Berlin ist nicht so hübsch - aber wenn man es mit Super 8 filmt, ist sogar das erträglich." Für den Filmdienstsprach Ulrich Kriest mit Göring.
Außerdem: Esther Buss berichtet in der Jungle World von der bereits vielbeachteten Retrospektive des Filmfestivals Locarno zum linkenUS-Kino in der McCarthy-Zeit. In Deutschland wurden 2026 bislang deutlich mehr Kinotickets verkauft als im gleichen Zeitraum im Vorjahr, meldet Felix Knorr im Filmdienst. Besprochen werden Ridley Scotts Postapokalypse "Das Ende der Sterne" (Standard, FAZ) und Will Glucks RomCom "One Night Only" (SZ).
Szene aus "Das Ende der Sterne" von Ridley Scott Der anstehende Kinostart von RidleyScotts postapokalyptischem Science-Fiction-Drama "Das Ende der Sterne" lässt Daniel Haas in der NZZ am Sonntag über den Weltuntergang im Kino philosophieren: "Weil US-Amerika die größte Innovationsfabrik für Zukunftsideen und ihre Realisierung ist, hat man dort auch die größteLust an der Zerstörung jener Welten, die, als Utopie erdacht, am Ende ein großer Misthaufen der Geschichte werden. Das ist der Grund, warum vorzugsweise New York in Katastrophen- und Monsterfilmen demoliert wird: Früher ein furioses Versprechen der Moderne in Architekturgestalt gilt es heute vielen (Ökologen, Soziologen, Kulturkritikern) als eine Spielfläche für Verteilungskämpfe, Gewalt und aus dem Ruder laufenden Tourismus. Wenn Godzilla ganze Straßenzüge wegmampft und King Kong Häuser zerknüllt wie lästige Tetrapaks, ist der Zorn des Wohnung suchenden, Miete blechenden und im Stau steckenden Bürgers ins Bild gefasst." Doch "wo Gefahr ist, wächst/ächzt das Rettende auch: Hölderin hat das schon im im frühen 19. Jahrhundert gewusst. Vielleicht hatte er einen Zukunftstraum und sah die Katastrophenfilme des 20. und 21. Jahrhunderts im Schnelldurchlauf durch sein Unterbewusstsein rauschen (er wird aufgewacht sein, entsetzt und dankbar, weder Kino, Laptop noch Handy zu kennen)."
Weiteres: Mark Siemons gibt in der FAZ Einblick in die chinesischen Diskussionen um WenMuyes in China immens populären Film "Willkommen im Drachenrestaurant". Besprochen wird AnnekatrinHendels Dokumentarfilm "Hiddensee" ("die Bildausschnitte sind spektakulär, die Aufnahmen lassen die Schönheit der Insel erstrahlen, dass es eine Wonne ist", schwärmt Gaston Kirsche in der Jungle World).
"Staatsschutz" von Faraz Shariat Die Protagonistin in Faraz Shariats Justizdrama "Staatsschutz" ist eine junge Staatsanwältin mit südkoreanischem Migrationshintergrund. Sie wird Opfer eines rechtsextremen Angriffs und nimmt danach die Ermittlungen selber und gegen viele Widerstände in die Hand, schreibt Barbara Schweizerhof in der taz. Ihre eigene Staatsanwaltschaft versichert ihr anfangs nämlich, dass sie den Fall schnell aufklären wollen. "Aber dann reagiert die Justiz ebenso träge. Ermittlungen verlaufen im Sand und produzieren schließlich nur einen einzigen Verdächtigen, der den Tathergang aber ganz anders schildert." Hier zeige sich eine von Shariats Stärken: "Wie er die Quasi-Machtübernahme einer rechts-autoritären Gesinnung in den eigentlich zur Neutralität verpflichteten Institutionen wie der Justiz beschreibt. Es ist ein 'Was wäre, wenn …?', das einem den Atem nimmt, weil es so nebenbei passiert. Und man sich die Augen reibt und fragt, ob diese Zustände nicht vielleicht schon in einigen Regionen der Bundesrepublik Realität sind."
In der FAZ sieht Bert Rebhandl den konkreten Fall im Film vor dem Hintergrund ähnlicher Fälle in Deutschland, die von der Justiz immer nur sehr behäbig aufgeklärt wurden. "Im Hintergrund des Skandals, der sich allmählich abzeichnet, sind konkrete Vorfälle der jüngeren Vergangenheit deutlich erkennbar. Die vielen Ungeheuerlichkeiten im NSU-Verfahren sind die offensichtlichste Parallele. Shariat bezieht sich aber vor allem auf eine Reihe von rechtsradikalen Anschlägen in Neukölln in den Zehnerjahren, die unzureichend verfolgt wurden." Auf critic.debespricht Nino Klinger den Film.
Die Filmbranche wird immer mehr von der KI überrollt: Produktionskosten werden deutlich gesenkt, viele Jobs in der Industrie stehen vor dem Wegfall, konstatiert der Filmproduzent Martin Moszkowicz in der SZ. "Wie tief die KI in die Produktionsstruktur selbst eingreift, zeigt sich bei den Vertical-Serien fürs Smartphone. Während in Deutschland viele noch überlegen, wie man überhaupt in dieses Geschäft einsteigt, ist in China bereits mehr als ein Drittel der erfolgreichsten dieser Formate maschinell erzeugt - vor einem Jahr waren es sieben Prozent. Youtube beansprucht in den USA inzwischen mehr Fernsehzeit als Netflix - der größte Konkurrent Hollywoods produziert selbst keine Filme, er lässt produzieren, von Milliarden Nutzern, demnächst von deren Maschinen." Doch es gehe nicht darum, sich jetzt zwischen "Widerstand und Unterwerfung" zu entscheiden. "Sondern um die Aufgabe der Aneignung. Wir müssen eigene Daten- und Publikumsbeziehungen aufbauen, statt nur Inhalte zu liefern. Wir müssen unsere Kataloge lizenzieren, zu unseren Bedingungen, statt zuzusehen, wie sie ungefragt verdaut werden. Und wir sollten die Maschine früh in den kreativen Prozess holen, als Sparringspartner, nicht als Taktgeber."
Weiteres: In der FAZ schaut Timas Deppert nochmal den Film "Gridlock'd - Voll drauf!", in dem Hip-Hop-Legende Tupac Shakur in seiner letzten Rolle als drogenabhäniger Krimineller "Spoon", der clean werden will, überzeugt. Im FAS-Interview mit Mariam Schaghaghi spricht Regisseur Cyril Aris über seinen Film "A Sad and Beautiful World", der sich mit der libanesischen Geschichte und Lebensrealität auseinandersetzt.
Besprochen werden Jane Schienbruns Horrorfilm "Teenage Sex and Death at Camp Miasma" (SZ und NZZ), die Komödie "One Night Only" von Will Gluck (Welt) und Annekatrin Hendels Dokumentarfilm "Hiddensee" (FAZ).
Szene aus "A Sad and Beautiful World" Beim Filmfestival in Venedig erhielt "A Sad and Beautiful World", das Spielfilmdebüt des Libanesen Cyril Aris, vor einem Jahr den Publikumspreis, nun kommt das durch Jahrzehnte libanesischer Geschichte erzählte Liebesdrama auch bei uns in die Kinos. "Die Allgegenwärtigkeit von Chaos und Krieg in Libanon zeigt Aris nicht direkt", schreibt Antonia Krinninger in der FAZ. "Dass Yasmina und Nino im Bürgerkrieg geboren werden, erschließt sich nämlich erst über den Kontext. Dass sich die Wirtschaftskrise immer weiter zuspitzt, erkennt man in den Gesichtern der Protagonisten. Yasminas Gesicht scheint fast in sich zusammenzufallen, je länger die Unruhen anhalten. Ninos Küche wird zum Symbolbild. Von der Oase, wo ihm sein Großvater die kulinarischen Geheimnisse weitergegeben hat und Menschen zusammenkommen sind, bleibt am Ende eine graue Blechruine."
Weiteres: Felix Knorr widmet sich im Filmdienst dem noch überschaubaren Werk von Horror-Auteur JaneSchoenbrun, deren Meta-Slasher "Teenage Sex and Death at Camp Miasma" gerade bei uns im Kino läuft (aktuelle Besprechungen im Standard, auf Artechock und bei uns). Dunja Bialas empfiehlt auf Artechock die Münchner Retrospektive mit Filmen von BernhardSinkel. Daniel Haas verneigt sich in der NZZ vor dem Action-Schauspieler JasonStatham, den er für einen "sympathischen Toxiker" hält, der im Herbst seines Lebens auch "in Neufassungen von Ingmar-Bergman-Filmen brüten und schweigen könnte".
Besprochen werden SašaVajdas "The Lights, They Fall" (Tsp, unsere Kritik), Massoud Bakhshis "All My Sisters" (Artechock), PhilippeLacheaus Animationsfilm "Marsupilami", der in Frankreich Millionen in die Kinos gelockt hat (Artechock, Welt), die auf Netflix gezeigte Nordic-Noir-Serie "Blutopfer" (FAZ) und Regina Schillings in Deutschland bereits im Juni gestarteter Film "Ingeborg Bachmann - Jemand, der einmal ich war" mit Sandra Hüller (NZZ).
Bleibt in der Reserve: "The Lights, They Sleep" SašaVajdas Coming-of-Age-Film "The Lights, They Sleep" zieht es tief in jenes wenig repräsentative Berlin weit jenseits des S-Bahn-Rings, schreibtPerlentaucher Lukas Foerster. Im Mittelpunkt stehen der sechzehnjährige Ilay und dessen Freunde. "Die Untiefen biografischer und anderer Art (...) bleiben sachte Andeutung, verdichten sich erst ganz am Ende zu einem lakonischen Geistermotiv. In den Gesprächen, die die Jungs führen und die zweifellos ausgezeichnet beim Leben abgeschaut sind, fallen teils tolle, eigenartige Sätze wie 'Metapher in Dich rein'." Doch gibt es immer wieder Momente, in denen "man sich als Zuschauer wünscht, man könnte den fraglos durchweg durchdachten, klug komponierten und das Herz am rechten Fleck habenden Film ein wenig aus der Reserve locken. ... 'Slow Cinema' nannte man den Stil, den Vajda wählt, früher einmal, er hat eine ganze Reihe von Meisterwerken hervorgebracht. Heute spricht man eher von 'Vibes'. Doch Vibes brauchen Resonanz."
Eline van der Velden ist die Frau hinter der KI-Schauspielerin TillyNorwood, die in den letzten Monaten für einige Turbulenzen insbesondere in der US-Branche gesorgt hat. Im Zeit-Gespräch versucht van der Velden, die selbst als Schauspielerin und Produzentin tätig ist, ihren Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen: KI zerstöre keine Jobs, Norwood halte tatsächlich bereits 40 Menschen in Lohn und Brot. Und "die meisten Geschichten über Frauen werden nicht gedreht, weil sie als zu nischig gelten. Niemand will sie finanzieren. Ich kann jetzt Geschichten erzählen, die sonst nicht gemacht worden wären." Außerdem "haben wir festgelegt, dass unsere KI-Schauspieler nurinKI-Filmen auftreten dürfen. Wenn BradPitt aber einen digitalen Zwilling von sich erstellen lässt, könnte man den neben Tilly platzieren. Natürlich nur mit seiner Zustimmung und gegen Vergütung." Weiteres: "Ein Held, der an einer Schuld zerbricht, für die er sich selbst verantwortlich macht - das war in der Antike undenkbar", schreibt Thomas Ribi in der NZZ zu Christopher Nolans "Die Odyssee". Auch im Superheldenkino geht der Trend zur Introspektion und zur Sinnkrise der Protagonisten, schreibt Daniel Gerhardt in der Zeit. Für die Zeit hat Alexander Cammann den Schauspieler Hanns Zischler besucht. Andreas Kilb gratuliert in der FAZ der Schauspielerin Joan Allen zum 70. Geburtstag.
Besprochen werden JaneSchoenbruns Meta-Slasher "Teenage Sex and Death at Camp Miasma" (FR, Welt, FAZ, unsere Kritik), Ines Reinischs Dokumentarfilm "Salz und Wasser" über eine Antarktis-Expedition (FR), Annekatrin Hendels Dokumentarfilm "Hiddensee" (taz, Zeit), Cyril Aris' libanesisches Drama "A Sad and Beautiful World" (Intellectures), eine BluRay-Ausgabe von RichardAttenboroughs Antikriegsmusical "Oh! What a Lovely War" aus dem Jahr 1969 (taz) und Marco Petrys auf Netflix gezeigte Komödie "Mein bester Freund, seine Freundin und ich" (SZ).
Kino, Lust, Begehren, Konsens: "Teenage Sex and Death at Camp Miasma" von Jane Schoenbrun Andreas Busche ist im Tagesspiegel begeistert von JaneSchoenbruns queerer Meta-Slasher-Hommage "Teenage Sex and Death at Camp Miasma", in dem eine feministische Regisseurin, die als guilty pleasure eine Vorliebe für die oft bedenklichen Slasherfilmen der Achtziger pflegt, die Möglichkeit bekommt, ein solches Franchise wiederzuleben, das sie in subversiver Weise gesellschaftspolitisch auf den neuesten Stand bringen will - ebenso wie Schoenbrun selbst dies mit ihrem Meta-Film tut. "Die fantasmagorische Geschichte, in der sich Realität, Film-im-Film, absurde BlutexzesseunderotischeFantasien zunehmend vermischen, erzählt von der Utopie genderfluider Identitäten und sexueller Befreiung, ohne wieder bloß das Narrativ tragischer Queerness zu bedienen." Unter anderem geht es um "Fantasien, die sich mit der sexuellen Selbstermächtigung der GenZ eigentlich nicht vereinbaren lassen. Aber Begehren kennen keine Grenzen und keine Moral - solange beide Seiten ihre Zustimmung geben."
"Die Jouissance, der psychoanalytische Begriff für eine Lust, in der Genuss und Schmerz ineinander übergehen, steht im Zentrum des Films", verrät Schoenbrun im taz-Gespräch mit Thomas Abeltshauser: "Lust und Tod sind miteinander verflochten, ebenso die konstruktive und die zerstörerische Kraft des Orgasmus. (...) In Slasherfiguren wird eine Menge seltsamer, allegorischer, psychosexueller Scheiß verarbeitet: im Killer, im Opfer, im Final Girl. Ich wollte diese Tropen queeren. Den Slasherkiller sowohl zum Instrument des Begehrens als auch zum Mittel zu machen, den Höhepunkt zu erreichen, erschien mir als der richtige Weg." Im Perlentaucherbespricht Stefanie Diekmann den Film ambivalent, endet aber auf einer positiven Note: "Think Pink: Wer begehrt und nach Wunscherfüllung strebt, sollte sich besser nicht zu sehr fürchten. Zumal der kleine Tod, der in der Tiefe des Sees wohnt, früher oder später zurückkehren wird."
Ausgerechnet bei der Constantin, Deutschlands verlässlichster Filmproduktionsgesellschaft für relativ große Produktionen und Kassenhits, mehren sich beträchtlicheKrisenanzeichen, berichtet Hanns-Georg Rodek in der Welt: Nicht nur wurde die als teure Prestige-Produktion konzipierte Serienadaption von "Die Päpstin" kurz vor Drehbeginn abgeblasen, auch ihre Finanzkonstruktion über eine finanziell gerade schwer angeschlagene Schweizer Medienholding Highlight belastet die Constantin gerade sehr. Zwar hat sich die Constantin stets bemüht, in Sachen Finanzierung eine Brandmauer zur Highlight aufrechtzuerhalten, unabhängig zu bleiben. Allerdings ist die Bayerische Landesbank als ein regelmäßiger Constantin-Finanzier ausgestiegen, über die Gründe lässt sich nur spekulieren. Möglicherweise hat es mit den russischen Verbindungen der Highlight zu tun. ... Sollte die Refinanzierung der Highlight scheitern, könnte die Constantin an das Bankenkonsortium fallen, das dann versuchen würde, die Münchener möglichst teuer zu verkaufen."
Die FAZ lässt nochmal über ChristopherNolans an der Kinokasse weiterhin sehr erfolgreiche "Odyssee" diskutieren. Dass Nolan bei Odysseus "die äußere Gerissenheit durch eine innere Zerrissenheit ersetzt", passt gut "in unsere Zeit", findet Jannis Koltermann, "denn an der Beherrschbarkeit der Welt sind uns längst Zweifel gekommen. Während in den Kinos die 'Odyssee' läuft, ist der Sommer draußen außer Rand und Band und die regelbasierte Ordnung kaum mehr eine Chimäre." Wie Odysseus "erleben wir einen Kontrollverlust aus eigenem Versagen. Dieser Odysseus sind wir." Andreas Kilb freut derweil, wie der Film und dessen Erfolg dem Gegenwartskino trotzt, das Comic- und andere Franchises dominieren: In der "Verwandlung von realen Schauplätzen in Seelenlandschaften steht Nolans 'Odyssee' im Hollywoodkino der vergangenen Jahre tatsächlich allein da. Sie trotzt der Tendenz zur Veräußerlichung, die in den immer wieder neu recycelten Stoffen des Marvel-Comic-Universums" zu finden ist, "und sie befreit sich - und uns - aus der visuellen Zwangsjacke der Fantasy-Serienwelten."
Weiteres: Irene Genhart resümiert im Filmdienst das FilmfestivalLocarno. KauftDVDs, rät Valérie Catil in einer taz-Glosse angesichts dessen, dass digitale Plattformen mittlerweile nicht nur Filme aus dem allgemeinen Streamingangebot nehmen, sondern auch einst zum vollen Preis gekaufte Filme aus den Sammlungen der Nutzer löschen. Besprochen werden DavidSchalkos Serie "Braunschlag 1986" (ZeitOnline), Saša Vajdas "The Lights, They Fall" (taz), Lars Jessens "Spaziergang nach Syrakus" mit Charly Hübner (Welt, FAZ), Annekatrin Hendels Dokumentarfilm "Hiddensee" (SZ) und Louis Leterriers auf Netflix gezeigter Thriller "The Last House" (SZ).
Jan Küveler resümiert in der Welt die vom Filmhistoriker Ehsan Khoshbakh kuratierte Retrospektive beim FilmfestivalLocarno, die sich in diesem Jahr den Verfemten Hollywoods der McCarthy-Ära widmete. Wie unangemessen die damals verhängten de facto Berufsverbote waren, daran hat Küveler ebenso wenig Zweifel wie an der Güte der präsentierten Filme. "Eine Leerstelle bleibt dennoch: WovondieHollywood-Linkeselbstüberzeugtwar, wird kaum verhandelt. Etliche der Verfolgten waren kommunistische Parteimitglieder, die den Hitler-Stalin-Pakt mitgetragen und die Moskauer Schauprozesse, in denen Stalin die eigene Parteiführung liquidieren ließ, für legitime Rechtsprechung gehalten hatten. ... Wer nur die Repressionen kritisiert und nicht die Loyalitäten der Geprüften, betreibt eine rabattierteErinnerungspolitik."
Weiteres: Tobias Sedlmaier (NZZ) und David Steinitz (SZ) schreiben zum Tod der Schauspielerin HaydenPanettiere, die im Alter von nur 36 Jahren gestorben ist. Edo Reents schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Regisseur MarkRydell. Besprochen wird CarlaSimóns in Deutschland bereits im April angelaufenes Drama "Romería" (Standard, unsere Kritik).
Daniel Kothenschulte berichtet in der FR vom Filmfestival in Locarno, wo ihm besonders drei Filme gefielen, Hong Sangsoos mit dem Regiepreis ausgezeichneter "Nowhere to Lay My Eyes", Nicolaas Schmidts "September Afternoon" und Ann Orens "'Object a': Der kleine Buchstabe des Titels ist ein Monument in Lacans Psychoanalyse als Bezeichnung für jenen Motor des Begehrens, dem wir niemals habhaft werden. Für ein erfolgreiches, auf Handchirurgie spezialisiertes Paar, in geheimnisvoller Präzision gespielt von Aenne Schwarz und Louis Hofmann, ist es ein wohlgehegter, stets neu gefüllter Freiraum innerhalb ihrer ansonsten durchdeklinierten Leben. In Operationssaal und Schlafzimmer findet ihre von weiblicher Dominanz geprägte Sinnlichkeit Erfüllung - und sucht naturgemäß nach immer neuen Lustobjekten. Eines ist eine temporäre Prothese, die sich die Frau von einem Kunsthandwerker bauen lässt, um nach einem Fußbruch weiter zu agieren. Man muss kein Fetischist sein, um der Schönheit dieser kinetischen Skulptur aus Chrom und Leder zu erliegen." In der NZZschreibt Tobias Sedlmaier zu Locarno.
Weiteres: Alexander Kloß erinnert sich in der taz an die "völlig neue Filmerfahrung", die ihm vor 25 Jahren Hayao Miyazakis Anime "Chihiros Reise ins Zauberland" bescherte. Besprochen werden Jono und Benji Bergmanns Doku "Noga" über ein israelisches Künstlerpaar und den 7. Oktober (Welt), Roderick Warichs "Funeral Casino Blues" (Tsp) und Annekatrin Hendels Inselporträt "Hiddensee" (Tsp).
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