Efeu - Die Kulturrundschau
Albtraumhaft und grausam schön wie das Leben
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27.08.2026. Ein trauriger Tag: Die Literaturkritik trauert um den ungarischen Schriftsteller Péter Nádas, der die Schrecken des 20. Jahrhunderts in seinen Romanen und Essays "so sublim und hypnotisierend" festhielt, erinnert die Zeit. Die Kunstwelt trauert um die japanische Künstlerin Yayoi Kusama und den Maler und Titanic-Mitbegründer Hans Traxler. Monopol erlebt in Berlin, wie sich der DDR-Fotograf Thomas Billhardt seinen unabhängigen Blick bewahrte. Und der Standard überlegt, wer bei den Salzburger Festspielen auf Markus Hinterhäuser folgen könnte.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
27.08.2026
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Literatur

Die Literaturkritik trauert um den ungarischen Schriftsteller Péter Nádas. Er galt als ewiger Literaturnobelpreiskandidat, schreibt Tilman Krause in der Welt. Anders als seine beiden Landsmänner Imre Kertész und László Krasznahorkai, mit denen er sich als Jude, Überlebender zweier Dikaturen und Repressionen durch Zensur einen ähnlichen biografischen Erfahrungsraum teilt, hat er die begehrte Auszeichnung aber nie erhalten. "Wie sie hat er sich in Romanen, Erzählungen und Essays die Schrecken des 20. Jahrhunderts von der Seele geschrieben." Doch zeigt sich zu den beiden literarisch "ein gravierender Unterschied. Das ist das Schwelgerisch-spätbürgerliche an Nádas' Prosa, der tief faszinierte Rückgriff auf die 'Welt von gestern', will sagen die Zeit vor den großen politischen Erschütterungen des 20. Jahrhunderts. ... Seine beiden Hauptwerke, das 'Buch der Erinnerung' von 1985 und die 'Parallelgeschichten' [hier unser Vorgeblättert] von 2005 bieten sich als seelenverwandte Übergipfelungen von Marcel Proust und Thomas Mann dar." Nádas "beschreibt das Auseinanderfallen des bürgerlichen Ichs in eine physisch-triebhafte Existenz und in das durch moralische Vorstellungen und kulturelle Erziehung geprägte zivilisierte Sein".
Seine großen Romane "sind Meilensteine europäischer Literatur und so albtraumhaft und grausam schön wie das Leben des 1942 in Budapest geborenen Sohnes jüdischer Kommunisten Péter Nádas", schreibt Iris Radisch in der Zeit. "Sein literarischer Weg durch das Chaos seiner Zeit war atemberaubend, seine Sprache von makelloser Gewandtheit. Man könnte ihn einen modernen Klassiker nennen, denn seine Prosa war in klassischer Weise schön, wenn sie nicht zugleich so durchtrieben gewesen wäre, so sublim und hypnotisierend in ihrer Fähigkeit, die makellosen Erzähloberflächen zu durchbrechen und den Blick in die Abgründe zu ziehen."
Nádas war "der große Erzähler der europäischen Literatur, gehörte zur Welt des Kosmopolitismus in der ungarischen Kultur die in Opposition stand zum Nationalismus von Viktor Orbáns", schreibt Lothar Müller in der SZ. "Aber es gehörte zur Großherzigkeit seines Werks, dass es wie Budapest und Berlin das Dorf in sich aufnahm und den Wildbirnenbaum, die Hügel und Höhenzüge der Landschaft, die ihn umgab." Was sich in den Archiven findet, verlebendigte er "mit den Mitteln der Literatur". Nádas' "Empfindlichkeit gegenüber der Welt (...) war der Zauberstab, mit dem er diese Verlebendigung bewirkte". Weitere Nachrufe schreiben Ronald Pohl (Standard), Andreas Platthaus (FAZ), Gerrit Bartels (Tsp) und Wilhelm Droste (NZZ), der auch im Gespräch mit Dlf Kultur an Nádas erinnert.
Besprochen werden unter anderem neue Polizeiromane von Val McDermid und Michael Connelly (FR), Valeria Gordeevs "Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle" (Zeit) und Caroline Wahls "1999 Meter über dem Meer" (FAZ). Mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Kunst

Thomas Billhardt war nicht nur einer der bekanntesten Reportage-Fotografen der DDR, er galt vielen auch als "Propaganda-Fotograf der Staatsführung", erinnert Jens Hinrichsen bei Monopol. Dem widerspricht nun die Ausstellung "Die Augen weit offen" in der Fotografiska Berlin, die zeigt, dass sich Billhardt einen "unabhängigen Blick" bewahrte: Den Sozialisten Salvador Allende fotografiert er nach dessen Wahlsieg im offenen Wagen, daneben General Augusto Pinochet zu Pferd. Der wird Allende drei Jahre später mit US-Hilfe stürzen. Viele von Billhardts Aufnahmen von DDR-Parteigrößen werden, da nicht genehm, konfisziert. Zu seiner Überraschung geht ein Schnappschuss beim Besuch von Angela Davis in Ost-Berlin durch. Die attraktive US-Kommunistin muss sich zum Bruderkuss mit dem dicklich-kleinen Spitzenfunktionär Hermann Axen tief bücken. Ein groteskes Bild."
Yayoi Kusama ist im Alter von 97 Jahren gestorben. Im Guardian erinnern Tim Jonze und Sian Cain an die japanische Künstlerin, die seit 1977 in einer Psychiatrie lebte und weltweit für ihre psychedelischen Polka Dots oder verspiegelten Infinity Rooms gefeiert wurde. Weniger bekannt ist, dass Kusama in den 1980er Jahren mehrere Romane veröffentlichte - und bereits in den Sechzigerjahren für Skandale sorgte: "Sie inszenierte 'Körperfeste' mit nackten Darstellern, die in Tupfen bemalt waren, und schrieb einmal an US-Präsident Richard Nixon und bot ihm an, im Gegenzug für ein Ende des Vietnamkriegs mit ihm zu schlafen. (…) Im Jahr 1963 begann Kusama mit der Herstellung von 'Soft Sculptures' - Möbelstücken und anderen Objekten wie Leitern, die mit weißen, mit Stoff gefüllten phallischen Formen überzogen waren. Sie seien, so sagte sie, ihr Versuch gewesen, ihre Abneigung gegenüber Sex zu überwinden, den man ihr in ihrer Erziehung als schmutzig und beschämend vermittelt hatte. Obwohl sie sich lose im Umfeld der Pop-Art und des Minimalismus bewegte, wurde Kusama von der Kunstwelt nicht akzeptiert. Sie beharrte stets darauf, dass viele ihrer Ideen aus dieser Zeit von weißen männlichen Künstlern, darunter Andy Warhol, übernommen wurden, während sie selbst aus der Kunstgeschichte ausgeklammert wurde."

Weitere Artikel: In der SZ schreibt Elisa Britzelmeier zum aktuellen Stand um den Diebstahl von Antonello da Messinas Tafel der "Madonna mit Kind und einem Franziskanermönch in Anbetung" und dreier weiterer Kunstwerke im Museo Regionale Interdisciplinare di Messina in Sizilien: Nun stehen die Mafia und ein Mitarbeiter unter Verdacht. Hanno Rauterberg erzählt in der Zeit die inzwischen 200-jährige Geschichte der Fotografie. Im taz-Interview erklärt Sarah Lombardi, Direktorin der Collection de l'Art Brut in Lausanne, die ihr 50-jähriges Bestehen mit einer Ausstellung feiert, wie sich die Sammlung zusammensetzt. Peter Kropmanns wandelt in der FAZ beglückt durch das frisch sanierte Musée de la Vie romantique in Paris
Bühne
Christoph Irrgeher und Margarete Affenzeller resümieren im Standard die diesjährigen Salzburger Festspiele (unsere Resümees), die vor allem unter dem Eindruck der "peinlichen Eskalation" in der unsanften Vertragsauflösung von Intendant Markus Hinterhäuser standen. Dass der Öffentlichkeit bis heute kein konkreter Grund für die Entlassung genannt wurde, ist ein "Unding", so die Autoren, die, davon abgesehen zumindest mit dem diesjährigen Opernprogramm zufrieden waren. Wer aber wird Hinterhäuser beerben? "Regiestar Barrie Kosky zählt zu den Favoriten, ebenso im Gespräch sind Konzerthaus-Chef Matthias Naske, Münchens Operndirektor Serge Dorny und Ex-Bregenz-Intendantin Elisabeth Sobotka. Nicht abschreiben sollte man auch den Salzburg-erfahrenen Musikmanager Matthias Schulz sowie Nikolaus Bachler, der in der Mozartstadt die Osterfestspiele leitet. Fest steht freilich: Wer auch immer den Posten erhält, tritt ein schweres Erbe an. Das liegt nicht nur an dem Mega-Bauprojekt des Festivals, das in den Jahren 2029 und 2030 eine Sperre des Großen Festspielhauses erzwingt. Es wird auch nicht leicht sein, an die Erfolge des Programmmachers Hinterhäusers anzuknüpfen - wirtschaftlich und kreativ."
Film

Nach einem Prozess gegen einen Rechtsextremisten sieht sich eine Staatsanwältin südkoreanischer Herkunft in einer ostdeutschen Stadt Anschlägen auf ihr Leben ausgesetzt und stößt bei Ermittlungen auf Verstrickungen ihrer eigenen Institution in die rechte Szene - das ist die Prämisse von Faraz Shariats Justizdrama "Staatsschutz". Der Film ist "dunkel gehalten", schreibt Lukas Pazzini im Perlentaucher. "Der Rechtsstaat erscheint nicht transparent, sondern undurchdringlich, mit einem Keller voller Fälle, die aus mutmaßlich politischen Gründen nicht bearbeitet werden." Doch "hinter die spannende Grundfrage nach den geeigneten Mitteln gegen Rechtsextremismus (...) fallen die Charaktere in Shariats Film deutlich zurück. Sie erfüllen Funktionen." tazlerin Barbara Schweizerhof findet den Film in seinen Thrillerpassagen mitunter "wenig plausibel und effekthascherisch". FR-Kritiker Daniel Kothenschulte hält dem Film gerade diese Lust am Genre zugute: "Man muss sich diese Überdeutlichkeiten und liebevollen Amerikanismen trauen dürfen. Shariat steht hier in einer Tradition mit Klaus Lemke, Rudolf Thome, Wim Wenders oder Thomas Arslan." Für die Zeit spricht Peter Kümmel mit dem Regisseur, in der Welt bespricht Hanns-Georg Rodek den Film.
German Cinema, die Auslandsvertretung des deutschen Films, schickt Sandra Wollners "Everytime" (unsere Kritik) für den Oscar um den besten internationalen Film ins Rennen, meldet Philipp Bovermann in der SZ. Damit wäre es wohl allmählich an der Zeit, nach der "Berliner Schule" von einer "Ludwigsburger Schule" zu sprechen, meint er in Erinnerung an "In die Sonne schauen" von Mascha Schilinski aus dem letzten Jahr, die ebenfalls mit einer eigenwilligen Filmsprache für Aufsehen sorgte. An der Filmhochschule Ludwigsburg bildete sich die letzten Jahre ein interessantes Netzwerk: "Schilinski und Wollner sind Teil derselben Generation deutschsprachiger Filmemacher, sie haben sogar zusammen studiert. Zu ihren Kommilitonen gehörte auch Timm Kröger, der Regisseur von 'Die Theorie von Allem' (2023), Wollners Lebenspartner und Kameramann bei ihren ersten beiden Langfilmen, der Regisseur und Drehbuchautor Roderick Warich, die Produzentin Viktoria Stolpe und der Kameramann Fabian Gamper. Die Mitglieder dieser Gruppe haben mehrfach überkreuz miteinander gearbeitet."
Weiteres: Tobias Sedlmaier schreibt in der NZZ einen Nachruf auf den unvergesslichen Tim Curry, der im Alter von 80 Jahren gestorben ist. Wir erinnern uns:
Besprochen werden Ridley Scotts Postapokalypse "Das Ende der Sterne" (taz, FR, Welt), Jaume Claret Muxarts queeres Coming-of-Age-Roadmovie "Strange River" (taz), Will Glucks RomCom "One Night Only" (Welt), Kai Stänickes "Der Heimatlose" (FAZ) und die in der ARD gezeigte feministische Porno-Serie "Selling Sex" (FAZ).
Musik
Eleonore Büning berichtet in VAN von der Schubertiade im Bregenzerwald, wo mit der Pianistin Elisabeth Leonskaja, dem Bariton Konstantin Krimmel und dem Pianisten Marc-André Hamelin "drei Weltmeister in Sachen Schubert versammelt" waren. In VAN schreibt Jeffrey Arlo Brown einen Nachruf auf Hans Florian Messner, der 40 Jahre lang als persönlicher Assistent von Pierre Boulez gearbeitet hatte und sich zuletzt Tag und Nacht um den kranken Komponisten gekümmert hatte: "Er verkörperte die menschliche Fähigkeit zu selbstloser Liebe mit einer seltenen Tiefe." Stephanie Grimm erzählt in der taz von ihrem Besuch in der Ausstellung "The Music is Black: A British Story" in einer neuen Außenstelle des Victoria & Albert Museum in London. Harry Nutt schreibt in der FR zum Tod von Dolly Parton (weitere Nachrufe hier). Für die SZ porträtiert Peter Richter die Progressive-Metal-Band Mastodon, die Ende des Monats ihr erstes Album seit 2021 veröffentlicht.
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