Pop stand mal für "Progressivität und Emanzipation", seit dem 7. Oktober "muss man sich jedoch die Frage stellen, ob der progressive Anspruch nicht immer mehr in einen autoritären Positionierungsdruck kippt, der vor allem in sozialen Medien und auf Bühnen ausgetragen wird",
schreiben Maria Kanitz und Lukas Geck in der
taz. "Die Boykottkampagne BDS braucht es schon lang nicht mehr,
Drohungen,
Hetze und
Konzertabsagen gegen jüdische und israelische Künstler:innen und Bands oder solche, die sich kein einseitiges Statement abpressen lassen, gehen mittlerweile von Veranstaltern, Künstler:innen und vom Publikum selbst aus." Zahlreiche Popmusiker "tragen dazu bei, dass
verkürzte,
enthistorisierte und unterkomplexe Narrative durch Songs, Statements und offene Briefe in sozialen Netzwerken rasant verbreitet werden und Wirkung entfalten. Auf diese Weise wird antisemitisches Geraune normalisiert und teils sogar in
eingängige Gute-
Laune-
Beats übersetzt."
Anders
Danger Dan, der sich bereits mit der im antideutschen Politmilieu beheimateten Antilopen Gang gegen jedweden Antisemitismus stark gemacht hat und dessen neues Soloalbum "Keine Angst" heute erscheint (
besprochen im
Standard). Jakob Biazza porträtiert den Musiker in der
SZ und stutzt, unter welchen
persönlichen Sicherheitsvorkehrungen das Gespräch in einem Café stattfinden muss und dass Danger Dan privat nie auf die Idee käme, seine Markenzeichen-Klamotten im Redskin-Look zu tragen - sonst müsste er wohl mit Attacken von Nazis (oder von 150-prozentig Palästina-Bewegten?) rechnen. "Kurzes Zwischenfazit: Antifaschisten, Menschen also, die darum kämpfen, dass Nazis hier nicht noch weiter an Boden gewinnen, fürchten inzwischen wieder sehr glaubwürdig um ihre Gesundheit. Vielleicht auch um ihr Leben.
Herzlichen Glückwunsch dazu,
Vaterland. Blüh' im Glanze dieses Glückes."
Im
taz-Gespräch
untermauert Dan, warum seine neuen Lieder weniger ironisch-spielerisch, sondern rigoros sind: "Ich finde die Situation mittlerweile so ernstzunehmend, dass ich ihr
nicht ausschließlich mit Humor begegnen wollte. Ich glaube, wir bewegen uns gerade auf eine Gabelung zu. Es gibt zum Glück noch ein Zeitfenster und Möglichkeiten, sich antifaschistisch zu engagieren. Aber je länger wir warten, umso schwieriger wird es. Wir haben ganz andere Zustimmungswerte für die AfD heute, siehe die Landtagswahlen, aber auch über die AfD hinaus sind Debatten, die beispielsweise über Migration geführt werden, komplett verschoben.
Die Nazis auf der Straße fühlen sich dadurch gestärkt."
Weiteres: Diedrich Diederichsen
stürzt sich für die
taz tief in die Geschichte der Psycho-Rockabilly-Klassiker
Cramps, von denen aktuell gerade früheste Aufnahmen neu abgemischt erschienen sind: "Die Synthese aus verrosteter Metallverarbeitung und verstockt bis humorvollem Hinterwald ergibt ein doppeltes Außenseitertum, für die das Punk-Mindset nicht ausreicht." Max Nyffeler (
FAZ) und Reinhard J. Brembeck (
SZ) gratulieren dem Komponisten
Steve Reich zum 90. Geburtstag, den auch der
Guardian kürzlich zum Anlass für ein
großes Porträt über Reich genommen hat. Dennis Sand porträtiert in der
WamS die international hochverehrte deutsche Metal-Sängerin
Doro Pesch.