Jura Rjabinkin ist sechzehn Jahre alt, als er während der Blockade Leningrads durch die deutsche Wehrmacht verhungert. Er hat ein Tagebuch hinterlassen, das der Erzähler dieses Romans immer wieder liest, sodass er bald glaubt, den Jungen zu kennen. Jura wird zur Romanfigur, wie der Erzähler auch. Ihre Begegnung beginnt vorsichtig und wird im Lauf der Geschichte immer enger. Zwischen den beiden entspinnt sich ein Austausch über Jugend, Träume, Literatur, Mütter, Gewalt, Fremdheit und Nähe, und sie geben einander ihre persönlichsten Geschichten preis.
In seinem zweiten autofiktionalen Roman erinnert Edgar Selge an den Jugendlichen Jura Rjabinkin, der bei der deutschen Blockade in Leningrad verhungert ist, liest Rezensent Michael Eggers. Jura hat im Winter 1941/1942 ein Tagebuch geführt, in dem er vom Kampf gegen den Hunger berichtet, von den Gewissensbissen, die er hat, wenn er schon auf dem Nachhauseweg an der Essensration knabbert - hier schaltet sich Selge als Erzähler ein, erklärt Eggers, mit "schonungsloser Offenheit" fragt er sich, ob er das als Wohlstandsdeutscher überhaupt nachvollziehen kann. Das "hungrige Zucken einer Gaumenmuskulatur", die unterversorgt ist, der nie zu stillende Hunger kommen in den Zitaten des Tagebuchs zum Vorschein, die Selge integriert, lesen wir. Vor allem aber führt er einen gedanklichen Dialog mit Jura, reflektiert die eigene Verantwortung und übt sich in Selbstkritik: 2022 hat er einen offenen Brief gegen Waffenlieferungen an die Ukraine unterschreiben, was er mittlerweile bereut, wie der Kritiker liest. So ist das Buch für ihn auch eine "eindrucksvolle, öffentliche Abbitte", in der Selge in der Annäherung an Jura auch die eigene Jugend noch einmal mit anderen Augen sieht. Trotz einiger mit Literaturzitaten und philosophischen Überlegungen überfrachteter Passagen ein lesenswertes Buch, das den verhungerten Jugendlichen wenigstens in der Erinnerung noch einmal aufleben lässt.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 29.08.2026
Rezensent Felix Stephan trifft sich mit Edgar Selge und bespricht gleichzeitig dessen neues, komplexes und lesenswertes Buch. Es stellt die Entdeckung eines Buch ins Zentrum, das ein sechzehnjähriger russischer Junge namens Jura während der Belagerung Leningrads durch deutsche Truppen im Zweiten Weltkrieg verfasst hat - und in dem nachvollziehbar wird, wie der Junge selbst und seine Mutter sterben - nur die Schwester überlebt die Belagerung. Selges Buch nun handelt von einem deutschen Autor, der ein Buch über Juras Buch liest, dabei aber nicht vorankommt und deshalb ein Gespräch mit dem toten Jungen imaginiert. Diese Anordnung könnte man für problematisch halten, meint Stephan, wenn man moralisch argumentiert und meint, hier nutze ein nachgeborener Privilegierter einen Toten für seine eigene Argumentation aus. Eine solche Kritik greift jedoch zu kurz, glaubt Stephan, weil Selge eben die Unmöglichkeit eines realen Gesprächs zwischen dem Autor und dem Toten betont. Für Stephan ist das alles sehr interessant, auch mit dem Hintergrund, dass die Geschichte von einer politischen Umorientierung Selges geprägt war, der 2022 einen offenen Brief gegen die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine unterschrieben hatte, die Unterschrift inzwischen aber bereut.
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