Schwarze Samstage
Roman eines Jahres

Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2026
ISBN
9783462012118
Gebunden, 304 Seiten, 24,00
EUR
Klappentext
Eigentlich dachte Ari, der Ich-Erzähler von Maxim Billers neuem Roman, Ende der siebziger Jahre sei das Schlimmste vorbei gewesen: Nach ihrer Flucht aus der kommunistischen Tschechoslowakei, wo sein Vater als Jude und Zionist vom Geheimdienst überwacht wurde, landeten er und seine Familie in einer Hamburger Altbauwohnung im legendären Grindelviertel. Wo früher ein blühendes jüdisches Leben war, saßen bei Aris Ankunft linke Gymnasiasten und Studenten der Nach-68er-Generation in Cafés und Seminarräumen und träumten vom Ende Israels. Als er dann aber 1982, zu Beginn des goldenen Pop-Jahrzehnts, zum Studieren nach München weiterzog, schienen sich die Wolken des neualten Judenhasses verzogen zu haben. Dass der wiederkommen würde, offener, radikaler, hätte Ari nie gedacht - bis zu dem Tag im Oktober 2023, an dem Hamas-Terroristen, erfüllt von tiefreligiöser, exterminatorischer Wut, den Süden Israels überfielen. Woher, fragte sich Ari seitdem, kommt der ewige Wunsch der anderen nach der völligen Vernichtung der Juden? Dieser Roman, den man auch als Prequel zu Maxim Billers Memoir "Der gebrauchte Jude" lesen kann, gibt auf diese Frage eine überraschende Antwort.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.09.2026
Tania Martini hält Maxim Billers neues Buch für tieftraurig und verstörend. Für sie zeigt sich in den Widersprüchen und Unstimmigkeiten im Text eine Krise Israels beziehungsweise des Judentums und eine Krise der Welt im Blick auf die Juden. Wie Biller die Verzweiflung seines nach Trost lechzenden Alter Ego Ari darstellt, die Erzählebenen wechselnd, mit Sarkasmus und scharfen Beobachtungen der jüdischen Geschichte und dem rasenden Antisemitismus seit dem 7. Oktober, findet Martini stark und kunstvoll. Dass der Autor die Frage nach den Wurzeln des Antisemitismus nicht beantworten kann, liegt für Martini in der Natur der Sache, obwohl sie auch seine an Freud angelehnten Reflexionen zu dieser Frage zitiert. Auch wenn die Rezensentin, hin- und hergerissen zwischen Realität und Fiktion, mitunter genervt nach einer Auflösung der Widersprüche sucht, besänftigen sie Billers überraschende Blickwechsel und zuweilen versöhnlicheren Töne hinsichtlich des dargestelllten existenziellen Schmerzes doch meistens.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 05.09.2026
Rezensentin Mara Delius entdeckt in Maxim Billers neuem Roman eine Geschichte des Judentums und eine autobiografische Spurensuche nach dem Urgrund des Antisemitismus. Typisch Biller, meint sie, wenn der Autor seine eigene Geschichte mit Spitzen gegen den deutschen Zeitgeist versieht. Allerdings hält Delius den Roman für Billers besten, weil der Autor es schafft, den 7. Oktober 2023 und die sich anschließende Gegenwart in einem "literarischen Kraftakt" nicht zu vereinfachen, sondern genau zu beschreiben. Allerdings scheint das Buch für Delius mehr zu sein als ein Stimmungsbild. Vor allem aber freut sie sich, dass der Autor einmal mehr seinen "letzten Roman" vorlegt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.09.2026
Edo Reents möchte den neuen Roman von Maxim Biller vor allem öffentlich-rechtlichen Kulturredakteuren, die "unterschiedliche Perspektiven" auf den Nahostkrieg fordern, auf den Nachttisch legen. Aber natürlich sollten alle ihn lesen, auch wenn sich Biller im Grunde gegen die gesamte "konfliktscheue" Öffentlichkeit wendet, fährt der Kritiker fort, der nach der Lektüre eingesteht: Selbst er hat den 7. Oktober unterschätzt. Um diesen Tag, der, so Reents, Züge eines "Zivilisationsbruchs" trägt, um seine Folgen, überhaupt um die lange Geschichte des Hasses gegen Juden geht es in diesem Roman, der aus der Perspektive von Billers Alter ego Ari dem Antisemitismus bis hin zu den Ursprüngen des Judentums folgt. Judaistische Reflexionen wechseln sich ab mit Attacken gegen Vertreter des linksliberalen Milieus, Jan Assmann oder Carolin Emcke etwa - zudem blendet Biller immer wieder schlaglichtartig die Grausamkeiten des Holocaust und des 7. Oktobers ein, informiert Reents. Und dennoch: Der Roman ist gut zu lesen, schreibt Biller doch "eingängig, lebensprall" - und natürlich "konfrontativ", versichert der Kritiker. Wissenschaftliche Definitionen von Antisemitismus interessieren Biller dabei nicht und statt auf "Vernunft und Dialog" setzt der Autor auf eine literarische, mitunter "obsessive" Selbstbefragung. Große Literatur, die den Kritiker auch an Thomas Manns "Josephromane" denken lässt.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 03.09.2026
Ein Buch, das "nicht lehrt, nicht aufklärt und schon gar nicht versöhnt" hat Rezesent Nils Minkmar mit dem neuen Roman von Maxim Biller vor sich. Die Handlung dreht sich um den stark autobiografisch geprägten Ich-Erzähler Ari, der als Jude in Berlin die Auswirkungen des 7. Oktobers und den zunehmenden Antisemitismus schildert. Allerdings, betont Minkmar, geht es hier nicht um das Hamas-Massaker als einzelnes politisches Ereignis, im Gegenteil entwirft Biller "eine Art Phänomenologie des Antisemitismus", indem er in die lange jüdische Geschichte zurückblickt. Zum Beispiel mit Blick auf den "schwarzen Samstag", eine Militäroperation der Briten gegen jüdische Siedler im Jahr 1946, erzählt er von der historischen Kontinuität eines niemals verschwindenen Ressentiments gegen Juden. Für den Protagonisten äußert sich das auch in alltäglichen Begegnungen in Berlin, lesen wir, in unerwarteten antisemitischen Ausfällen von Personen, die man zu kennen glaubt, oder ganz einfach im Stammcafé, wo Ari von einem Syrer abgewiesen wird. Nicht allen Pfaden, die Biller hier beschreitet, kann der Kritiker folgen, ein Kapitel, in dem der Autor die Journalistin Caroline Emcke kritisiert, versteht Minkmar nicht so ganz. Das ändert nichts daran, dass er hier ein aufrüttelndes, dazu "meisterlich komponiertes" Buch vor sich hat, das den Schrecken der Gegenwart die Macht der Literatur entgegensetzt.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 03.09.2026
Rezensent Volker Weidermann bespricht den neuen Roman seines Zeit-Kollegen Maxim Biller respektvoll, beeindruckt und kritisch. Schnell erkennt der Kritiker hinter Ich-Erzähler Ari den Autor selbst, der hier die lange Geschichte des Hasses auf Juden, beginnend in der Zeit Abrahams bis hin zum 7. Oktober und den Folgen erzählt. Eine Antwort für den Ursprung des Hasses vermutet der Erzähler unter anderem in der Geschichte: Christentum und Islam wollten die Zeugen ihres Religionsdiebstahles am Judentum ausschalten, liest Weidermann. Nicht nur weil Biller einmal mehr auch rhetorisch brilliert, lässt sich der Rezensent auf so manchen scharfen, auch ungerechten Angriff des Autors ein. Wenn Biller allerdings den verstorbenen Ägyptologen Jan Assmann als "unfreiwilligen Pressesprecher der großen antisemitischen Weltverschwörung" bezeichnet oder Carolin Emcke unterstellt, in der großen "Schuld-Schlacht" mache sie inzwischen die Juden für alles verantwortlich, geht es Weidermann zu weit: Hier wären Argumente sinnvoller gewesen als "bloßes Gefühl", meint er. Davon abgesehen hat Weidermann gar nichts gegen die Einseitigkeit des Buches einzuwenden, zeige sie doch das ganze Ausmaß von Angst, Verzweiflung und Entsetzen über den weltweiten Antisemitismus, meint er. Ein "kraftvolles" Buch, das Biller in "Bestform" zeigt, schließt er.