Oskar Negts autobiografische Spurensuche, die er in Überlebensglück so eindrücklich wie bewegend beschrieben hat, findet nun ihre Fortsetzung im zweiten Teil. Sein Flüchtlingsdasein hat Negt für sich abgeschlossen, sich mit dem Oldenburger Abitur ein Zertifikat der Sesshaftigkeit ausgestellt. Als junger Mann geht Negt an der Frankfurter Universität auf eine "Denk-Reise". Und das tun viele seines Alters. Die Vorlesungen bei Adorno, Horkheimer und Habermas sind brechend voll, auch wenn sie in einem alten halbzerstörten und kalten Biologiesaal stattfinden. Besonders der Vortragsstil Horkheimers schlägt die Studenten in seinen Bann, der mit seiner Fähigkeit, auch den abwegigsten Fragen seiner Zuhörer einen rationellen Kern abzugewinnen, viele ermutigt, sich am philosophischen Gespräch zu beteiligen.
Negts Studienjahre münden in die Assistenz bei Jürgen Habermas. Während dieser Zeit tritt er mit Vorträgen und Kampfschriften als einer
der Wortführer der Außerparlamentarischen Opposition auf, sucht aber
auch die öffentliche Auseinandersetzung mit der RAF. 1970 wird Negt
Professor an der Universität Hannover, doch seine Arbeit bleibt nicht
auf die akademische Lehre beschränkt.
Ein klein wenig lieblos hat Rezensent Alexander Cammann diesen zweiten Band der Negt'schen Biografie besprochen. Erwähnenswert ist ihm daraus, dass Negt auch nach seinem "Überlebensglück" der Kindheit hier wieder von Glück spricht: Zum Beispiel nach acht Jahren Assistenz bei Habermas vom damaligen niedersächsischen Kultusminister von Oertzen nach Hannover als Professor berufen zu werden. Oder auch, dass er Alexander Kluge kennenlernte, mit dem zusammen er Bücher schrieb, die für eine DDR-kritische Linke prägend waren. Die episodische Form dieses Buches findet Cammann "eigenwillig". Am stärksten hat ihn beeindruckt, wie "emotional" sich Negt auseinandersetzt mit der Unfähigkeit der damaligen Linken, sich von der Gewalt des Terrorismus in den 1970er Jahren klarer zu distanzieren.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.05.2019
Rezensent Jörg Später schätzt den Philosophen Oskar Negt für seine integre, gewissenhafte Art, sein bodenständiges, gelehrtes Denken. Negts zweiten Band mit autobiografischen Erinnerungen liest er mit Interesse für Negts Lehrjahre bei Horkheimer und Adorno, für die Entstehung und Entwicklung der Kritischen Theorie und ihres politischen Wirkens. Leider kommt Negts "Denkreise" für ihn als Rechenschaft und Altersbericht der Neuen Linken rüber. Zu viele Erinnerungen und zu wenig nach vorn gerichtete Fehleranalyse, findet Später.
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