Reprint der Ausgabe von 1932. Herausgegeben von und mit Anmerkungen versehen von Roland Reuß. Paul Renners von den Nazis kassiertes, heute nur noch in wenigen Bibliotheken vorhandenes Buch "Kulturbolschewismus?" war in Deutschland bereits 1932 nicht zu publizieren (2 befreundete Verleger hatten abgelehnt), und musste bei Renners Freund im Eugen Rentsch Verlag, Zürich, erscheinen. Es enthält eine flammende Verteidigung der Moderne in Architektur (etwa Mies van der Rohe) und Bildender Kunst (etwa Oskar Kokoschka). Vielleicht gibt es kein zentraleres Dokument der Zeit, welches klarer auf den Begriff bringt, dass "deutsch" zu sein mit einem Begriff wie Rasse nichts zu tun hat.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 28.06.2004
Mit Paul Renners Schrift "Kulturbolschewismus" werde eine Lücke geschlossen, so Rudolf Walther erfreut. Denn außer diesem verschollenen seien Renners "typographische und buchgestalterische Werke bis heute höchst präsent". Aus politischen Gründen sei seinerzeit "die messerscharfe Kritik" an der nationalsozialistischen Kulturpolitik "fast unbeachtet" geblieben. Renner, ein "Pionier" "der modernen Typographie" - er schuf die Groteskschrift Futura, die Renner-Antiqua und die Renner-Kursiv - leitete von 1926 bis 1933 die "Meisterschule für Deutschlands Buchdrucker" in München. Dann setzten die Nazis seinem Wirken ein Ende, und er zog sich, mit sozialistischen Ideen liebäugelnd, an den Bodensee zurück. Der von der nationalsozialistischen Propaganda heftig verwendete Terminus "Kulturbolschewismus" wurde vom Berner Architekten Alexander von Senger geprägt. Er sollte moderne architektonische Gedanken wie die von Mies van der Rohe, Le Corbusier oder Walter Gropius brandmarken. Renner verspotte, so der Rezensent, denn auch Sengers Bauten in der Schweiz als "Berner Barock". In seiner Schrift weise Renner nach, dass die "'neue Schule' in der europäischen Architektur ihre Wurzeln keineswegs in Moskau hatte" - Kunst, "die ihren Namen verdient", sei nie "national beschränkt" gewesen, sondern habe "immer auch aus dem gesamteuropäischen, später auch dem überseeischen Erbe" geschöpft. "Bauen in dicht bevölkerten Regionen", so Renners These, habe sich "den Herausforderungen der Moderne" zu stellen.
Als Erfinder der Schrift Futura dürfte der Typograf Paul Renner bekannt, weniger jedoch als "hellsichtiger Beobachter der heraufziehenden Nazidiktatur", meint Rezensent Jürgen Berger, der sich deshalb ganz besonders über diese gut sechzigseitige Streitschrift gegen die rassenhygienische Kulturanschauungen der Nazis freut, auf die die beiden Heidelberger Germanisten Roland Reuß und Peter Staengle gestoßen sind und die der Stroemfeld Verlag in einem fotografischen Nachdruck zugänglich gemacht hat. Stilistisch brillant und luzide zugleich zeige Renner darin auf, lobt der Rezensent, dass Feldzüge gegen die Moderne vor allem denen dienen sollen, die sie führen. "Werden sie möglich", schlussfolgert Berger, "schlägt die Stunde aller von Ehrgeiz Zerfressenen und Minderbegabten".
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