Die Gesellschaft im Klimawandel und die Fallstricke der Transformation
C.H. Beck Verlag, München 2026
ISBN
9783406846274 Gebunden, 256 Seiten, 20,00
EUR
Klappentext
In seinem neuen Buch analysiert der Soziologe Sighard Neckel das große Dilemma unserer Zeit: Während der Klimawandel auf eine ökologische Katastrophenzeit zuläuft, stellen Maßnahmen zu seiner Eindämmung eine beispiellose Herausforderung dar, an der moderne Gesellschaften zu scheitern drohen. Klimakonflikte vertiefen soziale Ungleichheiten und die Krise der Demokratie. Der Streit um die Lebensführung bringt soziale Gruppen gegeneinander auf. Reichtumsklassen profitieren weiterhin von der Klimaschädigung. Die Folge: Es passiert zu wenig bis nichts, und die Katastrophe rückt immer näher. Um die drängenden Fragen des Klimawandels herum entstehen zahllose neue Konfliktherde, in die unterschiedliche Interessen, Wertvorstellungen und Sozialmilieus miteinander verstrickt sind. Klimapolitisch verhärten sich die Fronten, während bei Regierungen, in der Wirtschaft und bei der Bevölkerung der Klimawandel in den Hintergrund rückt. Dadurch bleibt die notwendige schnelle sozialökologische Transformation aus. Umso mehr plädiert Neckel für einen radikalen Umbau von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik, für einen ökologischen "Infrastruktursozialismus" im Interesse des Gemeinwohls, um der drohenden Katastrophe doch noch Herr zu werden. Dabei nimmt er nicht nur eine Reihe von gegenwärtig zirkulierenden Scheindebatten auseinander, sondern zeigt auf, welche realistischen ökologischen und gesellschaftlichen Fortschritte trotz unserer bedrohlichen Lage möglich sind.
Rezensent Rudolf Walther ist voll des Lobes für den Soziologen Sighard Neckel und sein neues, klug und umfassend argumentierendes Buch zur Klimakatastrophe: Der emeritierte Professor male keine Horrorszenarien an die Wand, sondern analysiere präzise, wo die Politik scheitert. Er betont laut Walther, wie die Polykrisen, die wir erleben, das Problem verschärfen, für das er den Ausdruck "Krise" schon nicht mehr als zureichend ansieht, womit er sich mit dem Bundesverfaungsgericht einig weiß. Als Soziologe sieht Neckel die kollektive, nicht individuelle Verantwortung, statt eines in Debatten vorherrschenden entkernten Nachhaltigkeitsbegriffs sind ihm dem Kritiker zufolge besonders zwei Aspekte wichtig: Regenerativität und Potenzialität. Ressourcen sollen erneuerbar sein und Entwicklungschancen offenhalten. Als "New Green Deal" möchte Neckel einen "Infrastruktursozialismus", der Privatisierungen entgegentritt, sich für den gesamtgesellschaftlichen Nutzen der Wirtschaft stark macht, erfahren wir, und mittels Modernisierungen und staatlicher Kontrolle technischer Neuerungen dafür sorgt, dass wenigstens einige der unzähligen Probleme von der Frage ökologischen Stadtbaus bis zum Gewässerschutz angegangen werden können. Walther bewundert, wie nüchtern der Autor das Thema angeht, wie klar er Blockaden benennt und dass er trotzdem Ansätze zu anderem Verhalten vorschlägt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.02.2026
Rezensent Thomas Thiel bescheinigt dem Soziologen Sighard Neckel eine "scharfsinnige und treffende Analyse" der sozialen Antagonismen im Klimakonflikt, meldet aber deutliche Einwände an. Neckel zeige pointiert, wie der Kulturkampf um den Klimaschutz soziale Spaltung vertiefe: etwa am "Currywurst-Krieg" bei Volkswagen, wo die vegetarische Verwaltungskantine "maximale Distanz zum Wurst essenden Proletariat" signalisierte, lesen wir. Ein scharfes Auge habe der Autor auch für grüne Gentrifizierung und die ökologisch desaströsen Folgen des Reichtums: Der Energieverbrauch von Superyachten und Weltraumtrips könne Kleinstädte versorgen. Doch Neckels Gegenvorschlag eines "ökologischen Infrastruktursozialismus" überzeugt Thiel nicht recht: Eine Vergesellschaftung von Energieunternehmen würde den Innovationsdruck bremsen und den Strompreis treiben. Auch vermisst der Kritiker einen differenzierteren Blick auf europäische Fortschritte beim Emissionshandel.
Kluge Gedanken zum Dilemma der Umweltbewegung entnimmt Rezensent Martin Hubert diesem Buch. Der Soziologe Sighard Neckel zeichnet darin den Grundkonflikt zwischen sozialer Gerechtigkeit und Ökologie nach: Die Reichen tragen am meisten zur Erderwärmung bei, aber es sind die Armen, die unter einem ökologischen Umbau der Wirtschaft am meisten leiden. Wobei Neckel dieser These durchaus einige wichtige Differenzierungen hinzufügt und nicht nur den grünen Kapitalismus als Lösung ablehnt, sondern auch Postwachstumsideologien, die schlichtweg nicht die notwendigen Ressourcen generieren können für die Bewältigung der massiven anstehenden Probleme. Wie also mit dieser erst einmal hoffnungslos komplexen Situation umgehen? Neckel schlägt einen "grünen Infrastruktursozialismus" vor, der vermittels eines starken, aktiv handelnden Staates in Dinge wie öffentlichen Nahverkehr und kommunalen Wohnungsbau investiert. Für ein Allheilmittel scheint Hubert diese Idee nicht zu halten, aber er scheint alles in allem doch einiges mit ihr anfangen zu können.
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