Efeu - Die Kulturrundschau

Bald fliegen die Beine

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04.09.2026. Die Filmkritiker verlieben sich in Venedig in die symbiotischen Zwillingsschwestern, die Werner Herzog durch die Weite der irischen Landschaft schickt. Dem Guardian bleibt vor Rührung das Herz fast stehen, nachdem er den Teppich von Bayeux nach 950 Jahren erstmals wieder in England bewundern durfte. In der SZ überlegen Matthias Lilienthal und Çagla Ilk, warum ihre Theater mehr sparen müssen als andere Häuser. Und ZeitOnline meint: Mit dem Auftritt von Dahabflex hat die Berliner Linke ihren Wahlsieg vergeigt.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.09.2026 finden Sie hier

Film

Dämonisch, aber mit kindlicher Unschuld: Rooney und Kate Mara in Werner Herzogs "Bucking Fastard"

Aus Cannes hatte Werner Herzog seinen neuen Spielfilm "Bucking Fastard" abgezogen, weil er nur in einer Nebenreihe laufen sollte - nicht aus Gekränktheit, betonte der Regisseur, sondern weil seine beiden Hauptdarstellerinnen, die Schwestern Rooney und Kate Mara, die Bühne des Wettbewerbs verdient hätten. Nun hat Venedig Herzog den Gefallen getan und zeigt dessen lose Interpretation der Lebensgeschichte der beiden Zwillinge Freda und Greta Chaplin, die so eng miteinander waren, dass sie bis zu Versprechern über weite Strecken unisono sprachen. "Berührend" findet es Anke Leweke in der Zeit, "wie sich der 83-jährige Abenteurer des neuen deutschen Films einlässt auf die Zwillingsschwestern, ihre Fähigkeit zu romantischer Schwärmerei und unbedingter Liebe, auf ihre symbiotische Zweisamkeit. ... Von ihrer männlichen Umgebung werden sie mit Blicken und auch Übergriffen verfolgt, man bangt um sie. Doch muss man sich keine Sorgen machen, denn die beiden finden Schutz in Werner Herzogs freiem Erzählen, in seiner abgefahrenen Naturmystik, in der Weite der irischen Landschaft."

"Kate und Rooney Mara spielen diese zwei Entrückten mit kindlicher Unschuld, in deren Lächeln aber stets etwas Dämonisches hineinspielt", schreibt Tim Caspar Boehme in der taz über diesen "immer wieder schreiend komischen Film", den Herzog David Lynch gewidmet hat, "da kann ein wenig Abgründiges nicht schaden". Standard-Kritikerin Valerie Dirk hat den Eindruck, Herzog setze hier "die eigene Filmografie zu einem Cadavre Exquis zusammen", so sehr schwelgt der Film in Selbstzitaten. NZZ-Kritiker Tobias Sedlmaier war das zuviel: "Es wirkt, als hätte eine künstliche Intelligenz sämtliche Lebensthemen von Werner Herzog in einen Topf geschmissen und verfremdet wieder ausgespuckt." FAZ-Kritiker Bert Rebhandl wird bei diesem Film "deutlich, dass Herzog sein Wahrheitspathos, das er auch mit einem entsprechenden Buch vertreten hat, immer wieder auch als Nonsens-Orakel verficht".

In seinem Artechock-Tagebuch vom Festival sorgt sich Rüdiger Suchsland, ob Filmfestivals generell in den letzten Jahren nicht zu politisch geworden sind und damit immer mehr entsprechende Erwartungen nähren: "Muss ein Filmfestival eigentlich zu jedem politischen Konflikt eine eindeutige Position liefern - oder besteht seine (auch politische) Qualität gerade darin, dem Zeitgeist gegenüber widerständig zu bleiben, Widersprüche und Ambivalenzen auszuhalten und Plattform zu sein?"

Mehr vom Lido: Olaf Möller liefert erste Eindrucke auf critic.de. Felicitas Kleiner berichtet im Filmdienst vom Auftakt des Festivals mit Danny Boyles "Ink" (mehr dazu bereits hier). Philipp Bovermann (SZ) trifft sich mit Martin McDonagh, der seinen neuen Film "Wild Horse Nine" zeigt.

Außerdem: In seiner Artechock-Kolumne sorgt sich Rüdiger Suchsland um den Fortbestand der Constantin Film. Nach Ingeborg Bachmann und Erika Mann wird Sandra Hüller mit Wolfgang Herrndorf in Maria Schraders Adaption von "Arbeit und Struktur" demnächst eine weitere Figur der deutschen Literaturgeschichte spielen, meldet Felix Knorr im Filmdienst. Dunja Bialas empfiehlt auf Artechock Filme aus den Fünf Seen Filmfestival in München. Im critic.de-Podcast "Dust in the Wind" sprechen Lukas Foerster, Dunja Bialas und Doris Kuhn über Brezel Görings "Für immer 16" (unsere Kritik).

Besprochen werden Paweł Pawlikowskis "Vaterland" (Artechock, critic.de, mehr dazu bereits hier), David Michôds Boxerinnendrama "That's Why the Lady is a Champ" (Perlentaucher, online nachgereicht von der Welt) und Timo Großpietschs Dokumentarfilm "Fluss" (FAZ).
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Literatur

Der Tagesspiegel dokumentiert die Rede, die der indische Schriftsteller Jeet Thayll zur Eröffnung des Internationalen Literaturfestivals Berlin gehalten hat und der sich darin explizit dagegen richtet, Kunst von Politik zu trennen oder als bloßen schönen Zeitvertreib abzutun. Besprochen werden unter anderem Shida Bazyars "Die Lücken" (SZ), Maxim Billers "Schwarze Samstage" (FAZ) und Justus Benders "Deutschland 2033. Ein Szenario" (NZZ). Mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Kunst

Duke William of Normandy visits the town of Bayeux, later to become the home of the Tapestry. Photo © La Fabrique de patrimoines en Normandie / Antoine Cazin.

Nach 950 Jahren ist es so weit, der Teppich von Bayeux ist zurück in England, gezeigt wird er im British Museum in London und im Guardian blickt Jonathan Jones mit laut pochendem Herzen auf das mittelalterliche Tuch, das die Eroberung Englands durch den Normannenherzog Wilhelm den Eroberer darstellt: "Was den Teppich von Bayeux einzigartig macht und entscheidend zu seiner dramatischen Wirkung beiträgt, ist die Klarheit und Eindeutigkeit der dargestellten Schlacht. (…) Während man den Streifen betrachtet, beeindruckt vor allem das brillante Gefühl von Dynamik. Gleich zu Beginn rasen zwei Boten durch die französische Landschaft, ihre Haare wehen wie gerade schwarze Fäden hinter ihnen her: eine packende Art, Geschwindigkeit zu vermitteln. Diese atemberaubende Geschwindigkeit wird immer wieder auf herrlich einfache Weise dargestellt. Bei Hastings sieht man, wie die normannischen Ritter allmählich an Tempo zulegen. Ihre Pferde traben ruhig dahin, die Reiter sitzen kerzengerade mit erhobenen Lanzen da, dann neigt sich ein Reiter nach vorne, während sein Pferd den Kopf senkt und die Vorderbeine zum Galopp anzieht. Bald fliegen die Beine aller Pferde im Rhythmus durch die Luft, während die Ritter ihre Lanzen zum Stoß bereit halten, was das Gefühl des Vorwärtsdrangs noch verstärkt."

Wie ein "Archiv des Aneignens" erscheint K. Erik Franzen (Monopol) das, was er in der Ausstellung "Eisbach Treasures" im Münchner Haus der Kunst zu sehen bekommt: Erst surfte Tao Schirrmacher lange über den Münchner Eisbach, dann tauchte er und sammelte: "In Drahtkörben unter transparenten Abdeckungen finden sich nach Gruppen geordnet Schnüre, Metallteile und Uhren. Dazu gehören auch verschiedene Generationen von Schlüsseln: einfache flache, kleinere Möbelschlüssel und längere, stark verrostete Exemplare. Fahrzeugschlüssel und Funkfernbedienungen von Volkswagen, Ford, BMW. Gabeln, Löffel und Messer, verbogen, von dunklen Ablagerungen überzogen. Armbanduhren mit rechteckigen LCD-Anzeigen, blind gewordenen Displays und Metallgliederbändern. Darunter liegend analoge Armband- und auch Taschenuhren mit verfärbten Zifferblättern. Oft fehlen Gläser, die Lederbänder sind aufgequollen. Uhren und Schlüssel besitzen nicht nur stark symbolischen Charakter und erzählen vom Moment des Verlusts, auch die persönlichen Verbindungen zu den Objekten sind verschwunden, die Gegenstände mutieren zu anonymen, leblosen Prototypen."

Weitere Artikel: Ebenfalls für den Guardian besucht Deborah Cole Maurizio Cattelan in Berlin, wo dem italienischen Künstler in der Neuen Nationalgalerie seine erste große deutsche Einzelausstellung gewidmet wird. Unter anderem sprechen sie über Italien unter Meloni: "Er drückt eine widerwillige Bewunderung für ihre ungewöhnliche Durchsetzungskraft aus und sagt: 'Es ist enttäuschend, wenn man bedenkt, dass die Linke bei all den Gelegenheiten, die sie hatte, nicht in der Lage war, eine solche Stabilität zu schaffen. Was fehlte ihr, was sie hat?' Er schlägt eine Antwort vor: Sündenböcke. 'Uns werden immer wieder diese Feinde vorgesetzt. Sie bescheren uns Probleme, die wir wahrscheinlich gar nicht haben.'"
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Bühne

Szene aus "Balkan Erotic Epic". Foto: Marco Anelli

Unzählige PerformerInnen, TänzerInnen, MusikerInnen, VideokünstlerInnen und andere, die vier Stunden lang parallel und nicht selten nackt 13 Ritual-Szenen aufführten, brachte Marina Abramovic unter dem Titel "Balkan Erotic Epic" auf die Bühne der Ruhrtriennale - und dennoch bleibt nachtkritiker Max Florian Kühlem eher unterwältigt zurück: "Es gibt Frauen, die 'Die Götter erschrecken, um den Regen aufzuhalten' und dem Himmel ihre Vulven entgegenstrecken. Es gibt nackte Männer, die als Fruchtbarkeitsritual 'Den Boden ficken'." Aber abgesehen davon, dass man zusammen mit 1200 weiteren BesucherInnen schnell den Überblick verliere, so Kühlem, sind "die Rituale mit Kunstgesang, Live-Musik, elektronischen Soundscapes, Tanzchoreographien und dem Einsatz riesiger Videowände doch zu sehr in den Bereich der Kunst, der multimedialen Inszenierung gerückt ... Es ist immer mehr als eindeutig, dass die Menschen in der Kraftzentrale Rollen spielen, dass sie Rituale aufführen und nicht vollziehen."

Peter Laudenbach und Christiane Lutz treffen Matthias Lilienthal, neuer Intendant der Volksbühne und Çagla Ilk, neue Intendantin am Gorki-Theater für die SZ zum Doppel-Interview. Es geht um die neue Saison, den Umgang mit der AfD, und um die Frage, warum beide Theater mehr sparen müssen als andere Berliner Häuser. Ilk vermutet: "Ich kann keine andere Erklärung finden, als dass diese Einschnitte bei zwei dezidiert linken Theatern unter einem CDU-Regierungschef auch politisch motiviert sind. Die ehemalige Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson hat zum Beispiel veranlasst, dass wir neuerdings Miete für unsere Werkstätten zahlen müssen, die dem Land Berlin gehören. Allein das sind rund 180 000 Euro im Jahr, die uns jetzt im künstlerischen Etat fehlen." Und Lilienthal ergänz: "Die Idee, dass die Volksbühne 500 000 Euro und das Gorki 250 000 Euro sparen müssen, geht auf einen CDU-Abgeordneten zurück. Das sind die Summen unserer Vorbereitungsetats, wie sie bei einer neuen Intendanz üblich und notwendig sind. Diese Summen wurden dann aus den Budgets der Theater gestrichen, nicht nur für dieses Jahr, sondern auf Dauer."

Ebenfalls für die SZ trifft Peter Richter Aljoscha Begrich, Erfinder des "Osten"-Festivals in Bitterfeld, um mit ihm darüber zu sprechen, wie es ist ein linkes Festival in einer rechten Hochburg zu machen. Besprochen wird eine Open-Air-Inszenierung von Lessings "Nathan, der Weise" vom Gefängnistheater aufBruch (taz).
Archiv: Bühne

Architektur

Für die NZZ resümiert Marcus Stäbler eine Podiumsdiskussion zum zehnjährigen Jubiläum der Hamburger Elbphilharmonie, bei der nicht nur Intendant Christoph Lieben-Seutter, sondern auch der Architekt Pierre de Meuron sprach.
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Stichwörter: Elbphilharmonie

Musik

Der Sample-Streit zwischen Kraftwerk und Moses Pelham hält auch weiterhin zahlreiche Juristen in Lohn und Brot. Der Bundesgerichtshof schließt sich nun der Weisung des Europäischen Gerichtshofs (unser Resümee) an und gibt Pelham zum Teil recht: Zumindest seit 2021 ist es gestattet, ein Sample für ein Pastiche zu verwenden, sofern gewisse Grundvoraussetzungen bestehen - etwa ein "kreativer Dialog" mit dem Original. "Was hier an Spielregeln festgelegt wird, gilt am Ende für die gesamte Kreativwirtschaft in Deutschland und inzwischen auch für das Gros der Alltagskultur, insbesondere in sozialen Medien", kommentiert Frédéric Döhl auf ZeitOnline. "Denn digital angeeignet und weiterverarbeitet wird überall. Das macht das Urteil wichtig, aber zugleich herausfordernd. ...  Während dieser Prozess vor allem für die Beteiligten relevant ist, weist das heutige Urteil deutlich über Pelham und Kraftwerk hinaus. Sein Gegenstand sind die Gegenwart und die Zukunft - für alle Kunstschaffenden und ihre Verwertungspartner."

Der Rapper Dahabflex könnte mit seinen derben Stalinismen, die er bei einer Wahlkampfveranstaltung der Berliner Linken zum Besten gab, der Partei den Sieg bei der Wahl in Berlin kosten, schreibt Jens Balzer auf Zeit Online: "Mit seinem neuerdings pomadisierten Vollbart und den Kaiser-Wilhelm-mäßig nach oben gezwirbelten Schnurrbartenden ist er der ästhetisch derzeit am besten durchgearbeitete Posterboy einer neuen Version linker Gegen- und Popkultur. Diese verbindet die ältere Anti-Imperialisten- und K-Gruppen-Dogmatik mit dem jüngeren postkolonialen Antizionismus und Antisemitismus sowie - und das ist eine noch recht neue Entwicklung - mit der Romantisierung des sowjetischen Imperialismus und der Verehrung des autoritären Russlands unter Putin." Das klingt nur ein bisschen nach Linkspartei, aber vor allem nach BSW und ein bisschen auch nach AfD: "Wie bei niemandem sonst kann man in seiner Person, seiner Musik, seiner Inszenierung neue Bündnisse, neue politische Konstellationen erahnen." 

Weiteres: Benjamin Moldenhauer schreibt in der taz über die Posse, dass das Glücksgefühle-Festival in Hockenheim die Band Alphaville zunächst ausgeladen hatte, weil die Veranstalter fürchteten, dass es bei der Band zu politischen Ansagen aus dem linksliberalen Standard-Repertoire kommen könnte, nur um sie nach kurzem Shitstorm doch wieder einzuladen, was nun aber die Band wiederum ablehnt. Nachrufe auf die Blues- und Jazzmusikerin Cassandra Wilson schreiben Ljubiša Tošić (Standard), Ueli Bernays (NZZ) und Jan Wiele (FAZ).



Besprochen werden ein Konzert von Dota Kehr in Frankfurt (FR) und Erykah Badus Comeback-Album "Before the World Blows" (die Künstlerin wandelt sich "von der ikonischen Popdiva zur ehrfurchtgebietenden Hexenmeisterin", schreibt Henrik von Holtum in der taz).
Archiv: Musik