Im Kino
Silhouetten auf dem See
Die Filmkolumne. Von Michael Kienzl
09.09.2026. Ein Mann, eine Frau, ein Boot: Nur sehr rudimentär ist Fabrice Aragnos fast dialogfreier "Le Lac" an einer herkömmlichen Handlung interessiert. Leider verflüchtigt sich die geheimnisvolle Anmutung des Films auf die Dauer und macht raunender Allegorik Platz. Die spektakulären Naturaufnahmen beeindrucken dennoch.
Für das unsichtbare innere Gefüge des Sichtbaren interessiert sich der Experimentalfilm "Le Lac", wenn man dem Zitat des Philosophen Maurice Merlau-Ponty glaubt, das dem Film vorangestellt ist. Zu sehen sind tatsächlich erst einmal nur Umrisse: Eine Frau, vom Gegenlicht auf ihre Silhouette reduziert, blickt aus einem Zugfenster in die Landschaft. Als eine körperlose Hand ins Bild kommt und das Gesicht der Frau liebkost, lässt sich nicht genau erkennen, wie sie das findet. Dafür sehen wir graue Wolken, die sich ineinander schieben, rhythmisch tanzende Leiterseile von Strommästen und skelettartige Bäume mit einem traurigen Rest an Blättern, die uns immer wieder den Blick verstellen.
Mit das Offensichtlichste in einem Film ist die Handlung. An so einer ist Regisseur Fabrice Aragno, der als Kameramann unter anderem zwei späte Filme Jean-Luc Godards fotografierte, nur sehr rudimentär interessiert. Die Geschehnisse des fast dialogfreien "Le Lac" könnte man in etwa so zusammenfassen: Die beiden Silhouetten gehören einem Mann (Profisegler Bernard Stamm) und einer Frau (Schauspielerin Clotilde Coureau), die knapp über 60 sein dürften und auf dem Genfer See (den Schauplatz erfährt man lediglich aus dem Abspann, der Film selbst hält sich, was solche Informationen angeht, konsequent bedeckt) einen Segeltörn unternehmen. Mehr Plot ist nicht.
Ungewöhnlich ist dagegen, wie das Geschehen gezeigt wird. Die Kamera vermeidet Ruhe und Übersichtlichkeit, gewährt uns nur gelegentlich den direkten Blick in Gesichter und widmet sich häufig von Wind und Sonne modellierten Details wie flatternden Segelzipfeln und Lichtreflexionen auf dem Wasser. Als das Paar zu Beginn bei einer Regatta mit anderen Schiffen in den See sticht, hat "Le Lac" fast noch eine dokumentarische Qualität, die dank der irrealen Dissonanz zwischen Bild und Ton jedoch immer mehr durch eine eigene, entschieden filmische Wirklichkeit ersetzt wird.

Aragno arbeitet mit Spannungsmomenten, die sich verlässlich im Nichts auflösen. Durch Wind und Wellen kommt es an Bord mehrmals zu heiklen Situationen, die mit schwankendem Seegang, hektischer Montage und röhrendem Sound immersiv inszeniert sind. Später gibt es auch mal einen Tauchgang des Mannes, dessen Dauer keine menschliche Lunge durchhalten würde. Aber mit welchen Tragödien hier eine vom Spielfilm geschulte Erwartungshaltung auch rechnet, irgendwann sitzt das Paar doch wieder in die Ferne schauend und in sich ruhend in der Abenddämmerung.
Bald wird auch gewiss, dass wir keinem einzelnen Segelausflug beiwohnen können - zumindest nicht nach den herkömmlichen Regeln von Zeit und Raum. Während der Bootsfahrt ändern sich nicht nur die Tageszeiten und das Wetter abrupt, sondern sogar die Jahreszeiten. Dazwischen sehen wir das Paar auch unverhofft mal, wie es an Land auf einer Wiese kuschelt, oder es gibt längere, meditative Beobachtungen, die am Ufer feiernde Jugendliche am Lagerfeuer zeigen oder einen Vater, der mit seinem Kind erste Gehversuche unternimmt.
Regelmäßig fällt die Aufmerksamkeit auf intime Berührungen zwischen dem Paar, so als würde es "Le Lac" vorrangig um diese Beziehung gehen. Die Handgriffe der beiden sind selbst in den stressigsten und gefährlichsten Momenten perfekt aufeinander abgestimmt. Man kennt kennt sich, versteht sich und - am wichtigsten - vertraut einander, nur um nach den größten Strapazen wieder im stillen Einklang die Ruhe zu genießen. Segeln wirkt im Film eine zeitlang wie der ultimative Beweis inniger Verbundenheit; wie eine Bewährungsprobe, die einen, sobald sie bestanden ist, nur noch enger zusammenschweißt. Man fragt sich zu diesem Zeitpunkt noch, wie indirekt die Erzählweise tatsächlich ist. Ob nicht das, was vordergründig präsentiert, entscheidend ist, sondern vielmehr das Unauffällige und Beiläufige.
Dann aber bleibt Aragno zunehmend am Gesicht Clotilde Coureaus hängen, das plötzlich seine zufällige Natürlichkeit verloren hat und stattdessen angespannt ist vor dramatischer Intensität. Was in diesem Moment das Problem sein könnte, bleibt Interpretationssache. Kurz fühlt man sich an das aktuelle Phänomen der "Alpine Divorce" erinnert, bei dem überambitionierte Männer ihre Frauen während beschwerlicher Wanderungen erschöpft zurücklassen. Die Spannungen, die zuvor überwiegend von der Natur ausgingen, verdichten sich zunehmend um die Frau. Dabei zeichnet sich leider auch ab, dass "Le Lac" die zentrale Beziehung vielleicht doch auf die uninteressanteste, nämlich raunend allegorische Weise imaginiert. Die Natur als psychologische Landschaft, der turbulente Seegang als Ups and Downs einer Liebe und die Uferbetrachtungen als Erinnerungen eines früheren Lebens; solche Deutungen wirken reichlich enttäuschend, wenn man sich auf einen Film eingestellt hat, der Verborgenes erforschen will.
Was man "Le Lac" trotz seiner am Ende etwas plumpen melodramatischen Effekte und hausbackenen Archaik lassen muss, sind spektakuläre Naturaufnahmen und das Heraufbeschwören entrückter Stimmungen. Zwanzig Steuermänner und -frauen werden im Abspann genannt, die für die wohl sehr langwierigen und aufwändigen Dreharbeiten im Einsatz waren. Bedrohlich monumental aufgetürmte Wolkenberge sind zu sehen, dramatischen Berg- und Nebellandschaften, pechschwarzes Wasser, spritzende Gischt und außerweltliche Lichtstimmungen. Allein durch das Zusammenspiel von Kamera, Schnitt und Sound den Eindruck entstehen zu lassen, man würde sich irgendwo auf rauer, offener See am Ende der Welt befinden, ist schon eine Leistung für sich. Es hätte allerdings ein konsistenteres inhaltliches Konzept gebraucht, um sie auch angemessen würdigen zu können.
Michael Kienzl
Le Lac - Schweiz 2025 - Regie: Fabrice Aragno - Darsteller: Clotilde Courau, Bernard Stamm - Laufzeit: 75 Minuten.
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