Efeu - Die Kulturrundschau
Sich in die Wolken werfen
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15.10.2026. Völker Schlöndorffs Adaption von Jenny Erpenbecks Roman "Heimsuchung" fällt bei den Kritikern durch: Belanglose Postkartenbilder mit viel Bevormundung, winken Filmdienst und FAZ ab. Die Zeit hat indes nichts dagegen, wenn Jan Schmidt-Garre in seinem Dokumentarfilm über Teodor Currentzis alle Kritik am putinnahen Dirigenten ausspart. SZ und Welt staunen in Dresden, wie mutig Correggio selbst religiöse Bilder erotisierte. Und die FAZ lernt in Weil am Rhein von Geoffrey Bawa, wie ökologisches Bauen gelingen kann.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
15.10.2026
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Film

Völker Schlöndorff hat Jenny Erpenbecks Roman "Heimsuchung" fürs Kino adaptiert. Kamil Moll ist im Filmdienst davon nicht überzeugt: Der Regisseur habe "übereifrig nicht nur ein literarisches Werk, sondern zugleich auch dessen Lektürehilfe als Beigabe mitverfilmt". Auf die "polemische Schärfe" aus Erpenbecks Roman, der die Geschichte des 20. Jahrhunderts anhand eines Hauses am Scharmützelsee erzählt, verzichte Schlöndorff, er "spart sich geschmackvoll alles Allzu-Dramatische. ... Doch wie viel Zurückhaltung und kultivierte Achtsamkeit tun der Adaption eines Buches gut, das den kräftigen, deutlichen Effekt nicht scheute? 'Heimsuchung' wird dabei schnell zu einem Film, der den eigenen Mitteln nicht vertraut und den Zuschauern bevormundend unterstellt, sich nicht eigenständig eine von Auslassungen und Allusionen dominierte Geschichte erschließen zu können."
Ja, "Schlöndorff beherrscht das Handwerk des Glättens aus langer Erfahrung perfekt", seufzt in der FAZ auch Andreas Kilb, der darüber staunt, dass Schlöndorff seine vierzehnte Literaturverfilmung vorlegt: "Dabei fällt im Rückblick auf, dass Schlöndorff oft am besten inszeniert, wenn er sich nicht auf Romanvorlagen stützt, weil er dann (...) nicht nach Fahrplan erzählen muss, sondern seine Stoffe frei entfalten kann". "Heimsuchung" liefere lediglich "belanglose Postkartenbildern", Schlöndorff fehle einfach das "Gespür für den Moment, in dem die Oberfläche des Geschehens den Blick in die Tiefe freigibt". Der Regisseur "ist seinen großen Vorbildern von der Nouvelle Vague so nah wie schon lange nicht mehr", schreibt indessen Fritz Göttler in der SZ: "Die Zeit, die vergeht, eingefangen in kleinste Details. Mal ist Hitler auf der Briefmarke, mal Honecker." Wolfgang Hamdorf hat für den Filmdienst mit Schlöndorff gesprochen.

Schwerreiche Menschen diskutieren in Griechenland bei einem Charity-Event über die Folgen des Klimawandels - bis Terroristen das Event kapern. Nicht ganz von ungefähr erinnert Romain Gavras' "Sacrifice" Perlentaucher Michael Kienzl an Ruben Östlunds Millionärs-Groteske "The Triangle of Sadness" (unsere Kritik) und vergleichbare Filme der letzten Jahre, "deren Protagonisten weder über Scham noch über einen Funken an Selbstreflexion verfügen. ... Die Mischung aus Gesellschaftssatire und Abenteuerfilm, an der sich Gavras (...) versucht, wirkt insgesamt ein wenig abgedroschen, unausgegoren und wild zusammengewürfelt. Doch 'Sacrifice' hat durchaus seine Stärken, nicht nur optisch." Immerhin: "Trotz des mittelprächtigen Ausgangsmaterials gelingt es den Schauspielern - ob Chris Evans als selbstverliebtem Hanswurst oder Anna Taylor-Joy mit einnehmend psychotischer Sexiness - 'Sacrifice' auf nur gelegentlich wackeligen Beinen zu tragen." Auch tazlerin Arabella Wintermayr macht angesichts dieser "erstaunlich tristen Inselwanderung" ein langes Gesicht.
Weiteres: Arno Widmann erinnert in der FR an Wolfgang Staudtes vor achtzig Jahren uraufgeführtem Film "Die Mörder sind unter uns". Besprochen werden Sebastian Brameshubers "London" ("Es macht Spaß zuzuschauen, wie allein durch Sprache Nichtanwesendes wuchtig präsent wird", schreibt Tilman Schumacher im Perlentaucher, mehr zum Film bereits hier), die Heimkino-Ausgabe von Gala del Sols "Rains Over Babel" (tazler Ekkehard Knörer staunt über die "sensorische Überlast" des Films, bei der "alles immer aufs Neue überraschende, zwischen Punk, Drag und Dante schillernden Razzle und Dazzle performt"), Caroline Kox' Jelinek-Verfilmung "Liebhaberinnen" (Zeit), Dylan Southerns Drama "Das Ding mit Federn" mit Benedict Cumberbatch (FR), Georgia Oakleys Neuverfilmung von Jane Austens "Sinn und Sinnlichkeit" (Standard), Brian Duffields Horrorfilm "Whalefall" (FR, SZ) und eine Arte-Doku über die Sprengung des Marseiller Hafenviertels im Jahr 1943 (Zeit).
Literatur
"Wenn mich jemand um etwas bittet, das mit Vögeln zu tun hat, bin ich dabei", sagt Jonathan Franzen im Zeit-Gespräch auf die Frage, warum er als Schriftsteller von höchstem internationalem Rang mit Ulrike Franke und Michael Loeken für den deutschen Dokumentarfilm "Watching People Watching Birds" zusammengearbeitet hat. Wieland Freund freut sich in der Welt über hundert Jahre "Pu, der Bär", für ihn "das vielleicht beste Kinderbuch der Welt". Volker Weidermann verneigt sich in der Zeit vor Christine Westermann, die in seiner Zeit beim "Literarischen Quartett" an seiner Seite saß und "ein Mensch" ist, "neben dem man nicht frieren kann".
Besprochen werden unter anderem Juli Zehs "Pony Show" (Standard, SZ), Leonardo Paduras "Nach Havanna. Eine Reise in Kubas Seele" (Freitag), Michel Foucaults Nachlassschrift "Die Hermaphroditen" (Zeit) und Thomas von Steinaeckers "Schwestern" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Besprochen werden unter anderem Juli Zehs "Pony Show" (Standard, SZ), Leonardo Paduras "Nach Havanna. Eine Reise in Kubas Seele" (Freitag), Michel Foucaults Nachlassschrift "Die Hermaphroditen" (Zeit) und Thomas von Steinaeckers "Schwestern" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Kunst

Man möchte gleich in die Gemäldegalerie nach Dresden reisen, um all die Werke von Correggio zu bestaunen, die hier erstmals in Deutschland in solcher Fülle zusammengetragen wurden und von denen Peter Richter (SZ) und Hans-Joachim Müller (Welt) so schwärmen. Der Sinnlichkeit der Bilder kann sich keiner der Kritiker entziehen, Richter meint hier gar den "Erfinder des Softpornos" zu entdecken - und zwar auch in den religiösen Gemälden, die Correggio selbstbewusst erotisierte: "Der Bildtypus der Sacra Conversazione ist von Natur aus zum Beispiel eine denkbar steife und langweilige Angelegenheit: Madonna mit um sie herumgestellten Heiligen, die alle etwas zu repräsentieren haben (…). Bei Correggio werden aber regelrechte Partys daraus: großes Hallo, Freude, Lachen, große Gesten in die Tiefe und nach vorn, scheinbar aus dem Bild heraus in den Raum des Betrachters hinein, dramatische Diagonalen, Windmaschine, Putten, also Kleinkinderfiguren, die sich in die Wolken werfen, als wären die ein Federbett ... Dass die Heiligen mitunter den Eindruck machen, ebenfalls gleich ins Bett zu wollen, und zwar miteinander oder auch mit dem Betrachter - das hat über die Jahrhunderte eher zu Entzücken als zu Empörung geführt."
Nach ein paar Madonnen allerdings, räumt Müller in der Welt ein, verliert sich die Magie ein wenig: "Wenn man zusieht, wie auf vielfigurigen Bildern … die Akteure auf ihr Stichwort reagieren und jeder Mitspieler vom Hauptdarsteller bis zum Statisten-Engel mit groß gespielter Geste seinen Bühnen-Einsatz beglaubigt, dann denkt man doch eher an Volkstheater als ans Mysterium christlicher Erzählungen."
Eine derart vielschichtige Ausstellung hätte Anna-Lena Wenzel (taz) im Militärhistorische Museum in Dresden gar nicht erwartet, wo unter dem Titel "Kunst auf Kommando?" Werke gezeigt werden, die die Nationale Volksarmee der DDR sammelte. Tatsächlich wurden neben Schlacht- und Abschiedsszenen auch die dunklen Seiten des Soldatenlebens festgehalten, erkennt Wenzel etwa in einer Serie von Grafiken von Manfred Butzmann, "die auf Skizzen basierten, die er 1976 bei seinem Reservedienst angefertigt hatte. Sie dokumentieren die triste wie monotone Kasernenumgebung und wurden trotzdem auf der offiziellen VIII. staatlichen Kunstausstellung der DDR 1977/78 in Dresden gezeigt. Obwohl einige der Skizzen kurzfristig abgehängt wurden, hatte man sie ein Jahr später für die Sammlung erworben."
Besprochen werden außerdem die Ausstellungen "Next Door" im Hamburger Bahnhof in Berlin, die an längst abgerissene Ateliers etwa von Thomas Demand oder Olafur Eliasson erinnert (Tsp) und "Van Gogh. All Our Paintings" im Kröller-Müller-Museum im niederländischen Otterlo (NZZ).
Bühne
Besprochen werden die Christoph-Schlingensief-Ausstellung "Es ist nicht mehr mein Problem!" im Berliner Gropiusbau (Zeit, mehr hier), Calle Fuhrs Stück "Die Deutsche Bahn AG" am Schauspiel Köln (Zeit) und "Balkan Erotic Epic - The Stage Version", nach der Ausstellung im Gropiusbau (mehr hier) nun von Marina Abramovic für die Bühne im Haus der Berliner Festspiele inszeniert (Tsp).
Architektur

Es ist kaum möglich, die Sinnlichkeit der Bauwerke des sri-lankischen Architekten Geoffrey Bawa hierzulande zu vermitteln, glaubt Quynh Tran in der FAZ. Aber einen Eindruck bekommt man schon in der Ausstellung, die das Vitra Museum in Weil am Rhein dem Vertreter der Tropischen Moderne nun gewidmet hat, so etwa im Mitte der Neunzigerjahre gebauten Kandalama Hotel, das heute als "Musterbeispiel für ökologisches und gemeinschaftsorientiertes Bauen" gilt: "Das gesamte Ensemble fügt sich nahtlos in die Landschaft ein. Aus der Luft ist zu erkennen, wie das Ufer des Kandalama-Reservoirs und die Felslandschaft die Anordnung bestimmen. Im Inneren zeigt sich, dass das Gebäude den Stein in seine Wände integriert und auf Stelzen steht, sodass Wasserlauf, Flora und Fauna nicht blockiert werden. Und Pflanzen wachsen auf Dächern, an Fassaden und in Räumen. Bawas Werk sei ein Entwerfen für 'ökologische Koexistenz', erläutert Shayari de Silva vom Geoffrey Bawa Trust, der an der Entwicklung der Ausstellung beteiligt war."
Weitere Artikel: Niklas Maak gratuliert dem Architekten Volkwin Marg in der FAZ zum Neunzigsten.
Musik
Jan Schmidt-Garre hat mit "Junkies of Dreaming - Mahler 3 Currentzis" einen Dokumentarfilm über Teodor Currentzis gedreht. Dessen russische Verstrickungen, die ihn in den letzten Jahren zum Diskussionsfall machten, kommen in dem Film allerdings nicht vor, notiert Christine Lemke-Matwey in der Zeit, die das soweit auch sehr okay findet: "Man mag diese Leerstelle verwerflich finden, und ganz sicher wird Junkies of Dreaming auch so diskutiert werden: als Verrat an jener bestens geölten Zeitgeist-Ethik, die befindet, nur derjenige sei ein wertzuschätzender Künstler, der sich politisch-moralisch bekenne. Bei Currentzis ist das nicht der Fall, und der Film lässt sich darauf ein. Ohne eine entsprechende Vorverabredung hätte der 54-Jährige den Dreharbeiten wohl ohnehin niemals zugestimmt, seine Medien-Hygiene ist in diesen Fragen rigoros. Und so beschreibt die vermeintliche Leerstelle kein Manko, sondern eher ein Credo: Um gute Kunst zu machen, muss der Glaube an die Kunst selbst unerschütterlich sein."
Hin und weg ist NZZ-Kritiker Ueli Bernays von "Sugungga", dem Debütalbum der südkoreanischen Band Leenalchi, und ihren "ganz eigenen geheimnisvollen Melodien und Klangbildern, in denen funkige Rhythmen mit traditionellen koreanischen Gesängen verschmelzen". Das Album schöpft reich aus dem koreanischen Sagen- und Mythenfundus: "Die sieben südkoreanischen Musiker bewähren sich als Vermittler. Die vertrauten funkigen und poppigen Grooves tragen einen förmlich hinein in die südkoreanische, geradezu märchenhafte Klangwelt. Den Rückweg tritt man dann mit neuen Inspirationen an. Im Westen hat man sich daran gewöhnt, dass Innovationen im Pop von neuen Instrumenten und Gerätschaften ausgehen. Auch bei Leenalchi arbeitet man zwar mit Synthesizer und Computer. Das Beispiel der Südkoreaner zeigt aber, wie die Musik allein durch Variationen des Gesangs verfremdet und erweitert werden kann."
Weiteres: In der FAZ freut sich Gerald Felber, dass der Palazzetto Bru Zane in Venedig die Komponistin Clémence de Grandval wiederentdecken lässt, deren Arbeiten "eine ernste, fast prä-expressionistische Strenge" eignet. Im Standard gratuliert Christoph Irrgeher Steve Reich zum 90. Geburtstag. Hartmut Welscher spricht für VAN mit dem früheren Intendanten der Bodensee Philharmonie, Beat Fehlmann, über die aktuelle missliche Lage seiner früheren Wirkungsstätte. Stefan Michalzik berichtet in der FR vom Auftakt des Deutschen Jazzfestivals.
Besprochen werden das Biopic "The Yellow Tie" über den Dirigenten Sergiu Celibidache (es "fängt übel an und wird immer schlimmer", stöhnt Hugh Morris in VAN), diverse Berliner Beethovenkonzerte, bei denen VAN-Kritiker Albrecht Selge den Musikern sehr dankbar dafür ist, dass sie "alles andere als ihren gemütlichen Hausstiefel runterspielen", Troye Sivans Album "She's The Best" (Standard), eine ARD-Doku über die No Angels (Tsp) und CD-Editionen zum Geburtstag des Dirigenten Karl Richter (SZ, mehr dazu bereits hier).
Hin und weg ist NZZ-Kritiker Ueli Bernays von "Sugungga", dem Debütalbum der südkoreanischen Band Leenalchi, und ihren "ganz eigenen geheimnisvollen Melodien und Klangbildern, in denen funkige Rhythmen mit traditionellen koreanischen Gesängen verschmelzen". Das Album schöpft reich aus dem koreanischen Sagen- und Mythenfundus: "Die sieben südkoreanischen Musiker bewähren sich als Vermittler. Die vertrauten funkigen und poppigen Grooves tragen einen förmlich hinein in die südkoreanische, geradezu märchenhafte Klangwelt. Den Rückweg tritt man dann mit neuen Inspirationen an. Im Westen hat man sich daran gewöhnt, dass Innovationen im Pop von neuen Instrumenten und Gerätschaften ausgehen. Auch bei Leenalchi arbeitet man zwar mit Synthesizer und Computer. Das Beispiel der Südkoreaner zeigt aber, wie die Musik allein durch Variationen des Gesangs verfremdet und erweitert werden kann."
Weiteres: In der FAZ freut sich Gerald Felber, dass der Palazzetto Bru Zane in Venedig die Komponistin Clémence de Grandval wiederentdecken lässt, deren Arbeiten "eine ernste, fast prä-expressionistische Strenge" eignet. Im Standard gratuliert Christoph Irrgeher Steve Reich zum 90. Geburtstag. Hartmut Welscher spricht für VAN mit dem früheren Intendanten der Bodensee Philharmonie, Beat Fehlmann, über die aktuelle missliche Lage seiner früheren Wirkungsstätte. Stefan Michalzik berichtet in der FR vom Auftakt des Deutschen Jazzfestivals.
Besprochen werden das Biopic "The Yellow Tie" über den Dirigenten Sergiu Celibidache (es "fängt übel an und wird immer schlimmer", stöhnt Hugh Morris in VAN), diverse Berliner Beethovenkonzerte, bei denen VAN-Kritiker Albrecht Selge den Musikern sehr dankbar dafür ist, dass sie "alles andere als ihren gemütlichen Hausstiefel runterspielen", Troye Sivans Album "She's The Best" (Standard), eine ARD-Doku über die No Angels (Tsp) und CD-Editionen zum Geburtstag des Dirigenten Karl Richter (SZ, mehr dazu bereits hier).
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